Märchen wie am Fließband: Türkische Seifenopern erobern die Welt

Früher importierten türkische Fernsehkanäle brasilianische Telenovelas - heute ist die Türkei einer der Weltmarktführer beim Export eigener Serien. Eine Erfolgsgeschichte mit Schattenseiten.

In unübersichtlich gewordenen Zeiten bieten Serien den Zuschauern eine Flucht aus dem Alltag. (Foto: Flickr/Watching TV by islandjoe CC BY 2.0)

In unübersichtlich gewordenen Zeiten bieten Serien den Zuschauern eine Flucht aus dem Alltag. (Foto: Flickr/Watching TV by islandjoe CC BY 2.0)

Eine der größten Traumfabriken der Welt befindet sich in der türkischen Stadt Kocaeli, eine Stunde von Istanbul entfernt. Auf einer Fläche von 25 Fußballfeldern sind am «Seka Filmset» ganze Istanbuler Altstadtviertel samt Großem Basar nachgebaut. Hier werden technisch aufwendige Serien gedreht, die in den vergangenen Jahren international erfolgreich wurden – wie zum Beispiel der osmanische Krimi «Filinta».

Mit Produktionen, die in etwa 100 Länder verkauft werden, ist die Türkei mittlerweile einer der größten Exporteure von Seifenopern. Nach Angaben der türkischen Exportvereinigung belegt das Land beim Verkauf von Serien ins Ausland inzwischen Platz zwei – übertroffen nur noch von den USA.

Mehr als 10 000 Kilometer entfernt von Kocaeli, in einem Lokal in Cartagena an der kolumbianischen Karibikküste, flimmert die türkische Telenovela «Gümüs» (deutsch: «Silber») auf dem Bildschirm. «Die türkischen Serien kommen hier gerade in Mode», erzählt Àngela Amador Ramos. Die Köchin verpasst keine einzige Folge. Die türkischen Seifenopern, findet die 51-Jährige, seien abwechslungsreicher als die lateinamerikanischen Telenovelas. «Es steht nicht nur die Liebesgeschichte im Zentrum, sondern auch die türkische Kultur. Mich interessiert das tägliche Leben der Türken.»

Der Durchbruch türkischer Melodramen im Ausland kam vor etwa fünf Jahren mit der historischen Fernsehserie «Muhtesem Yüzyil» («Das prächtige Jahrhundert») über das Leben von Sultan Süleyman dem Prächtigen. Zunächst im Nahen Osten erfolgreich, wurde «Muhtesem Yüzyil» inzwischen in etwa 70 Länder rund um den Globus verkauft.

Haben die türkischen Fernsehkanäle in den 1990er Jahren noch vor allem brasilianische Telenovelas ausgestrahlt, so verkaufen sie heute ihre eigenen Produktionen an lateinamerikanische Sender. «Die türkischen Serien bringen frischen Wind in die Fernsehlandschaft dort», sagt Medienwissenschaftlerin Asli Tunc von der Istanbuler Bilgi Universität zum Erfolg bei den Lateinamerikanern. «Für sie ist die Türkei eine exotische Kultur.»

Schicksalhafte Begegnungen, schöne Menschen und tragische Liebesgeschichten, oft vor historischem Hintergrund – die türkischen Serien sind als monumentale Märchen angelegt. «Eigentlich werden die Geschichten, die früher mündlich überliefert wurden, heute in den Serien erzählt», erklärt Mustafa Akilli, der seit 21 Jahren als Produzent im Seriensektor arbeitet.

Ece Yörenc hat als Autorin unter anderem Drehbücher für «Ask-i Memnu» («Verbotene Liebe») und «Fatmagül’ün Sucu Ne?» («Was ist Fatmagüls Schuld?») geschrieben. Beide Melodramen wurden in den arabischen Ländern begeistert aufgenommen. «In „Fatmagül“ geht es um Gewalt gegen Frauen, also etwas sehr Globales, das Frauen im täglichen Leben passiert. Wir haben uns entschieden, eine sehr starke Frauenrolle zu schreiben», sagt Yörenc. Die Serien hätten sogar dazu beigetragen, dass sich Frauen sogar in Saudi-Arabien stärker für ihre Rechte eingesetzt hätten. «In meinen Augen haben die türkischen Serien nahezu einen Arabischen Frühling für die Frauen verursacht.»

Professorin Tunc sagt: «Die Serien sind sowohl im Nahen Osten als auch im Balkan und seit neuestem in Lateinamerika ein solches Phänomen geworden, weil die Zuschauer in jeder Region etwas Eigenes darin entdecken.» So sähen sich Griechen die Istanbul-Märchen aus Nostalgie an, weil sie dort griechische Werte der 1970er Jahre widergespiegelt sähen: eine traditionelle Gesellschaft, die der Familie großen Wert beimesse. In arabischen Ländern hingegen hätten die Serien einen befreienden Effekt auf Frauen. «Ironischerweise nehmen die Zuschauer im Nahen Osten dieselben Serien als emanzipiert wahr, die griechische Zuschauer konservativ finden.»

Doch der Erfolg bringt seine Schattenseiten mit sich. «Seitdem die Serien ins Ausland verkauft werden, werden die Folgen immer länger», berichtet Arda Sarigün, der als Regieassistent arbeitet. Der Grund: Je länger die Folge, desto mehr Werbeblöcke passen rein. «Als ich vor vier Jahren für „Arka Sokaklar“ (in etwa: «Seitenstraßen») gearbeitet habe, war eine Folge ungefähr 90 Minuten lang. Letztes Jahr sollten wir 150 Minuten pro Woche produzieren und haben mit zwei Teams sieben Tage durchgearbeitet.» Sarigün spricht von «Fließbandarbeit».

150 Minuten – das entspricht einem Kinofilm mit Überlänge, der in einer Woche gedreht werden muss. «Das ist nur möglich, wenn sich die Leute am Set bis zur völligen Erschöpfung verausgaben», sagt Ersin Gök von der Schauspieler-Gewerkschaft «Oyuncular Sendikasi». «Derzeit arbeiten sie durchschnittlich zwischen 16 und 18 Stunden täglich, oft ohne Versicherung und ohne Sicherheitsvorkehrungen.» Der Serienmarkt sei völlig unreguliert. «In dem Maß, in dem der Sektor ohne staatliche Regulierung wächst, werden die Menschen ausgebeutet.»

Der Qualität der Serien, die sich immer ähnlicher werden, ist das wenig dienlich. Ihrem Erfolg tut das keinen Abbruch. Professorin Tunc sagt, in unübersichtlich gewordenen Zeiten böten sie den Zuschauern eine Flucht aus dem Alltag. «Die Menschen haben in so schweren Zeiten das Bedürfnis, ein Märchen zu sehen. Sie wollen schöne Menschen sehen. Sie wollen, dass die Bösen ihre Strafe bekommen.»

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