Nach Germanwings-Absturz: Ärzte sollen Schweigepflicht brechen

In ihrem Abschlussbericht empfiehlt die französische Luftfahrtbehörde, dass die Behörden bei Gefahr von Ärzten zukünftig informiert werden sollten. Sowohl in Frankreich als auch in Deutschland gibt es dazu keine eindeutige Gesetzeslage. Das müsse sich nun ändern.

Ärzte sollten bei einer Gefährdung der öffentlichen Sicherheit ihre Schweigepflicht brechen. Das ist die Empfehlung der französischen Luftfahrtbehörde BEA nach dem Crash der Germanwings-Maschine im März 2015 mit 150 Toten. Deutschland sollte dabei nicht erst Maßnahmen der EU abwarten, sondern sofort handeln, heißt es im Abschlussbericht, der am Sonntag veröffentlicht wurde. Kritiker fürchten um den Datenschutz von Patienten. Der Arzt des Germanwings-Copiloten Andreas L., der das Flugzeug absichtlich in den französischen Alpen abstürzen ließ, empfahl nach Angaben der Ermittler kurz vor dem Flug dessen Einweisung in die Psychiatrie.

Konkret wurden das deutsche Verkehrsministerium und die Bundesärztekammer aufgefordert, zügig eindeutige Richtlinien herauszugeben. Es müsse daran erinnert werden, dass die ärztliche Schweigepflicht gebrochen und zuständige Behörden informiert werden könnten, wenn die Gesundheit eines Piloten möglicherweise die öffentliche Sicherheit gefährde, so die BEA. In diesem Zusammenhang müssten Definitionen entwickelt werden, was unter „bevorstehender Gefahr“ und „Bedrohung der öffentlichen Sicherheit“ zu verstehen sei.

In Deutschland und Frankreich sei die ärztliche Schweigepflicht tief verankert, sagte BEA-Direktor Remy Jouty vor Journalisten. „Aber ich hoffe, dass es da etwas Bewegung gibt.“ In beiden Ländern sei die Gesetzeslage nicht eindeutig, weswegen Ärzte aus Sorge um ihre Zulassung dazu tendierten, sich streng an die Schweigepflicht zu halten. Airlines müssten zudem Piloten helfen und für diese das finanzielle Risiko minimieren, wenn sie erkrankten und um ihre Fluglizenz fürchteten.

Ähnlich äußerte sich die Vereinigung Cockpit, die die Interessen der Piloten vertritt. Spezielle Programme und eine intensive Betreuung seien nötig. „Bei diesen Programmen können betroffene Besatzungsmitglieder Hilfe suchen, ohne direkte Konsequenzen für ihren Arbeitsvertrag zu fürchten. Nur so kann die Basis für das notwendige Vertrauen zwischen Arzt und Patient hergestellt werden, das nötig ist, damit sich ein Patient öffnet.“ Zwangskontrollen trieben Betroffene dagegen in den „Untergrund“. Es sei wichtig, beim Kriterienkatalog strenge Maßstäbe beim Datenschutz anzulegen, der festlegt, welche Krankheiten gemeldet werden müssen.

Die Germanwings-Muttergesellschaft Lufthansa teilte mit, die Flugsicherheit bleibe das höchste Ziel. „Selbstverständlich wird das Unternehmen daher auch weiterhin eng mit den zuständigen Behörden zusammenarbeiten und auch bei einer möglichen Umsetzung konkreter Maßnahmen unterstützen.“

Der damals 27-jährige Copilot Andreas L. hatte laut dem Abschlussbericht im Dezember 2014 Symptome einer psychotischen Depression gezeigt und in den Monaten danach mehrere Ärzte aufgesucht. Einer von ihnen habe L. rund zwei Wochen vor dem Todesflug einen Aufenthalt in der Psychiatrie empfohlen. Keiner der Ärzte habe die Flugaufsichtsbehörden oder den Arbeitgeber informiert. Zudem habe Andreas L. seine Krankheit vor seinem Arbeitgeber geheim gehalten.

Bei dem Absturz des Germanwings-Airbus in Südfrankreich waren alle Passagiere ums Leben gekommen. Den Ermittlern zufolge gibt es auch Hinweise darauf, dass L. Probleme mit seinem Sehvermögen hatte und möglicherweise fürchtete, deswegen seinen Job zu verlieren. Häufigere Nachuntersuchungen seien nötig, wenn Piloten mit einer Erkrankung wieder als arbeitsfähig eingestuft würden.

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