Gesundheit hängt vom Einkommen ab: Wohlhabende leben länger

Die Lebenserwartung der Deutschen hängt immer stärker von der sozialen und geografischen Herkunft ab. Insbesondere in strukturschwachen Regionen sterben die Menschen jünger. Im reichen Süden Deutschlands leben die Menschen bis zu elf Jahre länger.

Im reichen Süden Deutschlands leben die Menschen bis zu elf Jahre länger als in ärmeren Regionen. (Foto: flickr/ redronafets/ cc by 2.0)

Im reichen Süden Deutschlands leben die Menschen bis zu elf Jahre länger als in ärmeren Regionen. (Foto: flickr/ redronafets/ cc by 2.0)

Wie lange Männer und Frauen in Deutschland leben, hängt aktuellen Studien zufolge maßgeblich davon ab, wo sie leben und wieviel sie verdienen. Gesundheit und Versorgung in Deutschland werden demnach von zwei großen Entwicklungen bestimmt: dem demografischen Wandel und dem starken Einfluss der sozialen Lage auf die Gesundheit. So haben zum Beispiel Männer mit hohem Einkommen eine um elf Jahre höhere Lebenserwartung als Männer mit sehr niedrigem Einkommen. Mit der Frage, welche Faktoren die Gesundheit beeinflussen, beschäftigt sich der Bericht „Gesundheit in Deutschland“, den das Bundesministerium für Gesundheit und das Robert Koch-Institut in Berlin vorgestellt haben.

Das Ergebnis der Studie zeigt einen engen Zusammenhang zwischen der gesundheitlichen und der sozialen Lage der Bevölkerung. Menschen mit niedrigem sozioökonomischem Status sind häufiger von Krankheiten, Beschwerden und Behinderungen betroffen, schätzen die eigene Gesundheit schlechter ein und versterben früher. Frauen mit sehr niedrigem Einkommen haben laut Studienergebnissen eine um acht Jahre geringere Lebenserwartung als Frauen mit hohem Einkommen; bei Männern beträgt der Unterschied sogar elf Jahre. Bereits im Kindes- und Jugendalter ist die Gesundheit durch den sozioökonomischen Status ihrer Herkunftsfamilie geprägt.

Doch nicht nur die soziale Herkunft ist bestimmend: Auch regional sind die Unterschiede beträchtlich. Besonders alt wird man – statistisch gesehen – in Süddeutschland. Das geht aus einer Auswertung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung BBSR hervor. Statistisch gesehen haben neugeborene Jungen in den Stadt- und Landkreisen Pirmasens, Hof und in Emden demnach mit rund 73 Jahren die geringste Lebenserwartung: Aussicht auf ein besonders langes Leben haben hingegen neugeborene Jungen in den Kreisen Starnberg, München und Hochtaunuskreis und Böblingen mit je rund 81 Jahren. Auch für neugeborene Mädchen gilt: der Süden verspricht besonders viele Lebensjahre. Im Kreis Breisgau-Hochschwarzwald haben Neugeborene mit 85,0 Jahren die höchste Lebenserwartung. Besonders hoch sind die Werte auch in Tübingen und Dresden (jeweils 84,7) sowie in München (84,6). Die niedrigsten Werte weisen hingegen Pirmasens (77,1), Emden (79,4) und Eisenach (79,5) auf.

Auffällig ist dabei, dass es strukturschwache Regionen sind, in denen die Menschen kürzer leben, wohingegen man etwa im reichen Starnberg besonders alt werden kann. Mehrere Studien verweisen entsprechend auf die Bedeutung von sozioökonomischen Faktoren wie Bildung und Einkommen. Auch Analysen des BBSR zeigen, dass der Einfluss von sozioökonomischen Faktoren auf die regionalen Unterschiede der Lebenserwartung höher ist als zum Beispiel der Grad der Gesundheitsversorgung, gemessen an der Zahl der Hausärzte je 100.000 Einwohner. Allein mit einer Verbesserung des Gesundheitssystems und des medizinischen Fortschritts steigt die Chance auf ein längeres Leben also nicht für alle Menschen.

Vielmehr hängt die Lebenserwartung von der persönlichen Situation in Sachen Bildung, Arbeit und Einkommen ab: Die regionale Verteilung von Bildungschancen (Anteil von Schulabgängern mit allgemeiner Hochschulreife), von qualifizierter Beschäftigung (Anteil Beschäftigte mit Hochschulabschluss und Anteil der Beschäftigten in der Kreativwirtschaft und wissensintensiven Dienstleistungen) sowie von ökonomischen Belastungen beziehungsweise sozialer Benachteiligung (Schuldnerquote und Personen in Bedarfsgemeinschaften) variieren in ähnlicher Weise wie die regionale Lebenserwartung. Die Lebenserwartung ist in den Regionen höher, in denen der Anteil sozial und ökonomisch schwacher Bevölkerungsgruppen gering und der Arbeitsmarkt günstig und attraktiv für hoch qualifizierte und kreative Arbeitnehmer ist. Dieser Zusammenhang ist für die Gruppe der Männer deutlicher als für Frauen. Gleichwohl bleibt auch bei den Männern ein hoher Anteil der Variation der regionalen Lebenserwartung unerklärt.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe will zur Bekämpfung dieser Ungleichheit künftig stärker auf Prävention setzen: „Unser Ziel ist, dass sich alle Menschen in unserem Land unabhängig von Wohnort und Geldbeutel auch in Zukunft auf eine hochwertige medizinische Versorgung verlassen können. Dazu müssen wir neue Herausforderungen rechtzeitig erkennen und schnell, zielgerichtet und nachhaltig darauf reagieren. Der Bericht ‚Gesundheit in Deutschland‘ ist dafür eine ganz wichtige Grundlage. Wir haben in dieser Wahlperiode bereits einiges angestoßen, um die großen Herausforderungen anzupacken: Wir stärken die Pflege und die Prävention, verbessern die Qualität der Krankenhausversorgung und sorgen dafür, dass die Patientinnen und Patienten endlich den Nutzen der Digitalisierung spüren. Dabei geht es selbstverständlich auch immer zugleich um die nachhaltige Finanzierung unseres Gesundheitswesens.“

Diese Finanzierung wird in der Studie ebenfalls aufgegriffen: Die Forscher zeigen auf, wieviel Geld Deutschland in die Gesundheit steckt. 2013 beliefen sich die Gesundheitsausgaben demnach auf 314,9 Milliarden Euro. Der größte Posten sind ärztliche gefolgt von pflegerischen Leistungen. In Relation zur Wirtschaftsleistung sind die Gesundheitsausgaben zwischen 1992 und 2013 um rund 1,8 Prozentpunkte angestiegen. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland mit Pro-Kopf-Ausgaben von rund 3.800 Euro pro Jahr für Gesundheit im oberen Mittelfeld der westlichen Industrienationen.

Auf eine mangelhafte Finanzierung des Gesundheitssystems wollen die Forscher die ungleiche Lebenserwartung also nicht schieben. Das Gesundheitswesen ist einer der umsatzstärksten Wirtschaftsbereiche in Deutschland. 6,1 Millionen Beschäftigte arbeiteten im Jahr 2012 in der Gesundheitswirtschaft inklusive Wellness und Fitness-Angeboten. Allein durch die demografische Entwicklung wird diesem Bereich den Forschern zufolge weiterhin steigende Bedeutung zukommen. Gleichzeitig müsse sichergestellt werden, dass sich wachsende Ausgaben auf medizinisch notwendige Leistungen und Innovationen mit nachgewiesenem Nutzen beschränken.

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