Witz-Verbot in Indien? Glaubensgemeinschaft der Sikh zieht vor Gericht

Sikhs sind für Indien was Ostfriesen für Deutschland sind. Beide leben jeweils im Nordwesten des Landes. Und über beide Gruppen gibt es unzählige Witze. Einige Sikhs haben nun genug davon und ziehen vor Gericht.

Warum gerade die Sikhs zum Ziel des Spottes wurden, scheint in der Geschichte des Subkontinents verloren gegangen zu sein. (Screenshot YouTube)

Warum gerade die Sikhs zum Ziel des Spottes wurden, scheint in der Geschichte des Subkontinents verloren gegangen zu sein. (Screenshot YouTube)

Ein beliebter Witz in Indien geht so: Ein Angehöriger der Sikh-Glaubensgemeinschaft hat einen neuen Job. Am ersten Tag arbeitet er bis spät am Abend an seinem Computer. Sein Chef freut sich und fragt, was er so lange gemacht hat. Der Sikh antwortet: «Die Buchstaben der Tastatur waren nicht richtig angeordnet, also habe ich sie in alphabetische Reihenfolge gebracht.»

Harvinder Chowdhury kann darüber überhaupt nicht lachen. Denn dieser Witz ist nur einer von Tausenden über vermeintlich begriffsstutzige, naive, idiotische oder unfähige Sikhs. Sie fühle sich schikaniert und verhöhnt, erklärt Chowdhury. Deswegen hat sie – selbst Anwältin – mit anderen Sikhs Klage eingereicht. Die Forderung: Ein Witz-Verbot, damit die etwa 20 Millionen Sikhs in Würde leben können.

In einem beispiellosen Schritt nahm sich der Supreme Court, Indiens höchstes Gericht, der Sache an, berichtet die dpa. Am Dienstag bat er in einer Anhörung das Management-Komitee der Sikh-Tempel in der Hauptstadt Neu Delhi um Vorschläge für Richtlinien. Dann sei die Sache vertagt worden, sagt Anwalt Surinder Singh Gulati. Wann das Gericht eine Entscheidung fällt, ist unklar.

«Wir wollen ein Gesetz, das Witze verbietet, die Angehörige einer Gemeinschaft in ein schlechtes Licht rückt», sagt Parminder Pal Singh vom Management-Komitee. Rassistische Witze seien einfach nicht lustig, findet er – egal ob sie sich gegen Sikhs, Christen, Muslime, Buddhisten oder andere Bevölkerungsgruppen richten.

Tatsächlich spielen viele Witze in Indien mit Stereotypen der turbantragenden Sikhs – zu Tausenden werden die Gags auf der Straße, per Handy-Nachricht oder auf Webseiten erzählt. Einer geht so: Ein Sikh sagt zu seinem Angestellten: «Geh raus und gieß die Pflanzen.» – Angestellter: «Es regnet.» – Sikh: «Ja und? Dann nimm halt einen Regenschirm mit.»

Warum gerade die Sikhs zum Ziel des Spottes wurden, scheint in der Geschichte des Subkontinents verloren gegangen zu sein. Sikhs sind Angehörige einer monotheistischen Religion, die im 15. Jahrhundert vom Wanderprediger Guru Nanak gegründet wurde. Die Gemeinschaft lebt überwiegend im Bundesstaat Punjab im Nordwesten Indiens, doch reisen die Anhänger als Geschäftsleute durchs ganze Land.

Sikhs gelten in Indien als hart arbeitend und mit Unternehmergeist gesegnet – sie bilden eine der erfolgreichsten Minderheiten des Landes. Der Volkskunde-Spezialist Jawaharlal Handoo glaubt, dass die Witze der hinduistischen Mehrheit dazu dienen, mit ihren eigenen Ängsten umzugehen. Die erfolgreichen und wohlhabenden Sikhs seien eine Gefahr für das Hindu-Ego, schreibt er in einem Aufsatz.

Zwei Charaktere, die in den Witzen immer wieder auftauchen, sind Santa Singh und Banta Singh. In einem davon isst Santa auf einer Hochzeit sehr langsam. Jemand fragt ihn: «Geht es Dir nicht gut?» – Daraufhin Santa: «Auf der Einladungskarte steht doch: Abendessen von 19 bis 24 Uhr.»

Zu allem Überfluss kommen Santa und Banta nun auch noch in die indischen Kinos. Im Trailer des am 22. April erscheinenden Films «Santa Banta Pvt. Ltd.» werden die beiden als «das hirnrissigste Duo» beschrieben – Männer, die weder gut aussehen noch Geld besitzen, keine Manieren und keinen Stil haben. Als die beiden im Film einen 1000-Rupien-Schein unter sich aufteilen wollen, entscheiden sie sich für Fünfzig-Fünfzig. Dann fragt Banta: «Bruder, was machen wir mit den anderen 900?»

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