Türkischer Fußball: Top-Vereine schwächeln, Amateure feiern

Über das System Passolig wird viel geschimpft. Fakt ist, dass seit der Einführung der elektronischen Karte die Zuschauerzahlen in der Süperlig zurückgegangen sind. Damit einher geht allerdings ein Boom in den unteren Ligen und im Amateurfußball. Dort sind die Arenen so voll wie lange nicht mehr.

Passolig: Stabilisierung auf niedrigem Niveau

Mit Verweis auf Sicherheitsbedenken wurde im April 2014 das System Passolig eingeführt. Wer ein Spiel der Süperlig oder der PTT 1. Lig besuchen wollte, musste sich diese elektronische Karte besorgen. Als gesetzliche Grundlage diente der Paragraph 6222 des Strafgesetzbuches. Mit der Karte können Fans eindeutig identifiziert werden, zudem beinhaltet sie eine Kreditkartenfunktion. Mit der Einführung des Systems brachen die Zuschauerzahlen in den Profi-Ligen zunächst ein. Fangruppen im ganzen Land lehnten das System ab. Sie befürchteten einerseits eine weitere Kommerzialisierung des Fußballs. Andererseits wurde der mit der Umsetzung betreuten Aktifbank die Nähe zur regierenden AKP unterstellt. Inzwischen hat sich die Lage etwas stabilisiert. So haben alle drei Top-Klubs inzwischen eine sechsstellige Zahl an Passolig verkauft. Bis Mitte April wurden insgesamt 1,96 Mio. Passolig unters Volk gebracht. Das würde reichen, um alle Stadien der 36 Profi-Vereine mehr als zweimal zu füllen. An der Spitze steht Fenerbahce, der Klub hat bereits 394.166 Passolig-Karten abgesetzt. Es folgen Galatasaray mit 373.247 sowie Besiktas mit 307.504 verkauften Karten. Die Passolig-Verkäufe der Top-18 Vereine finden Sie am Ende dieses Textes.

Die Spontanität ist verloren gegangen

Dennoch sind die Stadien noch lange nicht voll. Selbst beim Derby zwischen Galatasaray und Fenerbahce, für das noch vor der Einführung des Systems auf dem Schwarzmarkt bis zu mehrere tausend Lira bezahlt wurden, blieben tausende Plätze in der Türk Telekom-Arena leer. Und auch Besiktas leidet. So war zwar die Eröffnungspartie in der Vodafone-Arena gegen Bursaspor offiziell ausverkauft. Allerdings betrug die tatsächliche Auslastung 91,8%, knapp 38.500 waren im Stadion. Die Gründe dafür sind vielfältig, klar ist aber: mit Passolig ist die Spontanität im türkischen Fußball verloren gegangen. Wer keine Karte hat, kann auch nicht kurzfristig zu einem Spiel gehen. Das trifft vor allem jene Millionen Zugezogenen in Istanbul, die sich vielleicht nicht für die lokalen Vereine, aber für Sivasspor oder Gaziantepspor interessieren und früher im Auswärtsblock saßen. Für die lohnt es sich nicht, für ein Spiel im Jahr eine Passolig-Karte zu kaufen, zumal dies mit Zusatzkosten verbunden ist. Gleiches gilt natürlich für Millionen Touristen, seien es Türken aus dem Ausland, aber auch Holländer oder Deutsche, die einst wegen der Atmosphäre und der Legionäre türkische Stadien aufsuchten. Dazu kommt: die Übertragung der Karte ist illegal und mit Risiken verbunden. Wer gibt denn leichtfertig seine Kreditkarte aus der Hand, wenn er mal an einem Spieltag keine Zeit hat?

Zuschauerrückgang um mehr als ein Viertel

Der Rückgang der Zuschauerzahlen lässt sich aber auch mit Fakten unterfüttern. So kam die Süperlig in den drei Spielzeiten vor Einführung des Systems auf einen Zuschauerschnitt von jeweils knapp über 11.000. Während Fenerbahce und Galatasaray dabei stets an der 40.000er Marke lagen, gab es aber auch die wenig geliebten Klubs wie Basaksehir, die den Durchschnitt herunterzogen. Am Wochenende gegen Gaziantepspor verirrten sich gerade einmal knapp 900 Zuschauer in das Fatih Terim-Stadion, der Schnitt liegt bei etwas mehr als 1.500. Ähnlich ist es auch beim ungeliebten Kasimpasaspor. In früheren Zeiten lag man stabil bei mehr als 2.500. Das klingt wenig, aber der Rückgang beträgt immerhin bei den kleinen Vereinen rund 40%. Gut ausgelastet sind eigentlich nur noch die Arenen der drei Topklubs aus Istanbul sowie die in dieser Saison eröffnete Torku-Arena von Konyaspor.

International nur noch zweitklassig

International ist die Süperlig beim Fanaufkommen inzwischen zweitklassig. Während in Deutschland und England die Stadionauslastung bei mehr als 90% liegt, dümpelt man in der Türkei vor sich hin. In der vergangenen Saison besuchten durchschnittlich 7.807 Fans ein Erstligaspiel, in dieser Saison stabilisiert sich der Wert auf leicht über 8.000. Damit liegt man aber in Europa weit abgeschlagen von den Top-Ligen und muss sich mit der zweiten Garde messen. Wie eine Aufstellung von Ismail Sayan zeigt, belegt die Süperlig in Europa nur noch den 15. Platz beim Zuschaueraufkommen. Knapp davor liegt die polnische Ekstraklasse, wo es übrigens auch ein Kartensystem gibt. Knapp dahinter rangiert die Segunda Division aus Spanien, also die zweite Liga. Mit den zweiten Ligen aus Deutschland (Platz 6, Zuschauerschnitt: 18.651) oder England (Platz 8, Zuschauerschnitt: 17.384) kann man ohnehin nicht konkurrieren.

Boom in den unteren Ligen

Immerhin scheint dieser Fanfrust in der Süperlig auch seine Vorteile zu haben. Der türkische Amateurfußball boomt. In der unteren Ligen sind die Stadien wohl so gut gefüllt wie lange nicht mehr. Einerseits liegt das sicherlich daran, dass jede Menge Traditionsklubs in den vergangenen Jahren in die dritte oder vierte Liga sowie in den Amateurbereich durchgereicht wurden. Zum anderen gibt es ab Liga 3 (PTT 2. Lig) kein verpflichtendes Kartensystem. Zu nennen sind hier beispielsweise Zonguldakspor, Kocaelispor oder auch Erzurumspor. Letzteres Team stellte am vergangenen Wochenende zum dritten Mal hintereinander einen neuen Zuschauerrekord in der 4. Liga auf. 27.454 Fans waren zugegen, als Altay – noch ein Traditionsklub – mit 3:1 besiegt wurde. So eine hohe Zuschauerzahl dürfte an diesem Wochenende nirgendwo in der Türkei zu finden gewesen sein. Erzurumspor steht übrigens als Tabellenführer vor dem Aufstieg in die 3. Liga. Hier eine Übersicht zu ausgewählten Partien vom Wochenende (QuelleN: LigTV, Transfermarkt.com.tr):

Erzurumspor – Altay: 27.454 Zuschauer
Bursaspor – Akhisar: 20.640 Zuschauer
Fenerbahçe – Mersin 19.561 Zuschauer
Antalyaspor – Galatasaray 15.298 Zuschauer
Sivasspor – Besiktas: 10.172 Zuschauer
Basaksehir – Gaziantepspor: 897 Zuschauer

Etwas weniger Dominanz der Großklubs?

Für die Topklubs des türkischen Fußballs ist der Boom in den unteren Ligen übrigens kein gutes Zeichen. Denn mit dem steigenden Interesse gehen auch potenzielle Fans verloren. Welcher 7-jährige Knirps aus Erzurum, Izmit, Kirikkale oder Zonguldak trägt derzeit denn nicht mit Stolz das Trikot des lokalen Klubs. Bisher war das die Zielgruppe der Marketingprofis vom Bosporus. In fast allen Provinzen der Türkei sind Fenerbahce, Galatasaray und Besiktas bislang die beliebtesten Vereine, abgesehen natürlich von den wenigen „gallischen Dörfern“ im türkischen Fußball wie Bursa, Sivas, Eskisehir, Konya oder Trabzon. Dem türkischen Fußball würde es jedenfalls gut tun, wenn das Interesse sich nicht ganz so stark auf die großen Vereine konzentriert – sowohl hinsichtlich des sportlichen Wettbewerbs als auch mit Blick auf Kinder, die irgendwann das Grundgerüst für die Liga und die türkische Nationalmannschaft stellen. Denn mehr Einnahmen für die „kleinen“ Vereine bedeuten im Zweifel auch, dass mehr in die Jugend investiert werden kann. Vom Ende der Dominanz der Istanbuler Vereine ist man allerdings noch weit entfernt.

Verkaufte Passolig (per 17. April 2016)

  1. Fenerbahce 394.166
    2. Galatasaray 373.247
    3. Besiktas 307.504
    4. Konyaspor 98.907
    5. Trabzonspor 91.762
    6. Bursaspor 68.142
    7. Antalyaspor 45.414
    8. Adana Demirspor 38.768
    9. Mersin Idmanyurdu 30.470
    10. Eskisehirspor 29.748
    11. Samsunspor 28.301
    12. Balikesirspor 25.901
    13. Sivasspor 23.034
    14. Basaksehir 18.828
    15. Rizespor 18.817
    16. Göztepe 18.588
    17. Kayserispor 18.524
    18. Adanaspor 17.763

Quelle: www.passolig.com.tr

Dieser Beitrag erschien zuerst auf GazeteFutbol.de.

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