Nach Schiri-Attacke: Immer wieder Trabzon

Trabzonspor hat einmal mehr in der Süperlig und international für Negativ-Schlagzeilen gesorgt. Der Spielabbruch im Duell mit Fenerbahce ist aber nicht nur die Schuld eines verrückten Fans, sondern Ergebnis der Vereinspolitik der vergangenen Jahre. Nun könnte der Klub auch noch seinen besten Mann verlieren: Onur Kivrak.

Es hätte eigentlich ein schöner Abend in Trabzon werden können. Fenerbahce wollte schließlich den Ausrutscher von Besiktas ausnutzen, während Trabzonspor um die Ehre spielte. Und zudem ging es für die Gastgeber auch um Wiedergutmachung bei den Fans für eine verkorkste Saison. Als Luis Nani bei seiner Auswechslung sogar Applaus von einem Teil der Zuschauer bekam, hätte der neutrale Beobachter fast von einer Normalisierung der Verhältnisse zwischen den beiden Erzfeinden sprechen können. Fenerbahce entschied das sportliche Kräftemessen mit dem 4:0 klar für sich, doch irgendwann eskalierte die Situation. Auf der Tribüne wurde ein Galatasaray-Trikot verbrannt, ein Zaunpfosten hinter dem Tor von Onur Kivrak kippte um und ein 17-jähriger Oberschüler entschloss sich, mehrere Meter in die Tiefe auf das Feld zu springen, um auf den Torrichter einzuschlagen. Es ist ein neuer Tiefpunkt für Trabzonspor und wird weltweit wieder dem Ruf des türkischen Fußballs schaden.

Wenn sich der Präsident schämt

Für den ausländischen Beobachter mag das stimmen. Wer die Süperlig allerdings kennt, weiß, dass es ein spezifisch Trabzoner Problem ist. Immer wieder gab es Spielabbrüche und Skandale. Im April 2015 fielen dann die Schüsse auf den Mannschaftsbus von Fenerbahce. Ein Verbrechen, das bis heute nicht aufgeklärt wurde. Und nun wird ein Schiedsrichter im Stadion verprügelt. Im Verein herrscht wieder der Ausnahmezustand. Präsident Muharrem Usta hat sich für die Vorkommnisse zunächst entschuldigt und mit seiner beruhigenden Art das einzig Richtige gemacht: Er hat nicht auf den Schiedsrichter gezeigt, sondern auf den eigenen Verein. Doch der aktuelle Vereinsboss kann nichts für das Fehlverhalten einiger Fans, unter denen auch die Masse der redlichen Anhänger der „Bordeaux-Blauen“ leidet. Und diese Eskalation ist auch nicht einfach auf den „Charakter“ der Trabzoner zurückzuführen, die schließlich landesweit als sehr aufbrausend und emotional gelten.

Haciosmanoglus Werk…

Für solche Eskalationen ist zwar immer der Einzelne, der Täter, verantwortlich, doch in Trabzon gibt es einen, dem man die Mitschuld geben kann: Ibrahim Haciosmanoglu. Der Ex-Präsident hat während seiner Amtszeit 2013 bis 2015 nicht nur den Verein finanziell an den Rand des Ruins geführt, sondern immer wieder den Manipulationsskandal von 2011 herangezogen, um von eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken. Die Fans fühlten sich damals um den Titel betrogen, keine Frage. Haciosmanoglu aber hat dies eiskalt ausgenutzt und die aufgeheizte Stimmung immer wieder bedient. Der Unternehmer ist ein Zocker, dazu emotional und populistisch. Er hat alles riskiert, denn er wusste: Wenn Trabzonspor unter seiner Ägide die Meisterschaft holt, erreicht er für immer einen Legendenstatus in der Schwarzmeermetropole. Dafür hat er fast den gesamten Verein aufs Spiel gesetzt, denn Trabzonspor stand am Ende seiner Amtszeit vor der Pleite und muss noch heute mit dem hohen Schuldenberg leben. Unter Haciosmanoglu hat der Süperligist zwei Jahre mehr als doppelt so hohe Ausgaben wie Einnahmen ausgewiesen. Wenn dann die vielen Transfers und Trainer nicht den erhofften Erfolg brachten, wusste der Präsident Stimmung zu machen. Entweder waren die Schiedsrichter Schuld, der Verband oder aber Fenerbahce. Das eine lieblos zusammengestellte Mannschaft mit fünf Trainern in zwei Jahren keine Titel holt, kam ihm nicht in den Sinn. Sein Nachfolger Usta hat zwar in den vergangenen Monaten versucht, wieder eine „normale“ Beziehung zu allen Vereinen der Liga aufzubauen und Ruhe in den Klub zu bringen. Doch auch er kann nicht einfach die Wunden der Vergangenheit schließen. Auf den Punkt brachte es Yilmaz Taskin, der Onkel des jungen Schlägers, gegenüber Habertürk: „Wo es keine Gerechtigkeit gibt, beginnt die Anarchie.“

…und Salihs Beitrag

Wir wollen aber auch nicht vergessen, wie das Image von Schiedsrichtern zuletzt insbesondere in Trabzon gelitten hat. Beim Gastspiel bei Galatasaray hatte Salih Dursun dem Referee Deniz Ates Bitnel die Rote Karte gezeigt. Sicher: der Schiedsrichter hat an diesem Abend tatsächlich eine schlechte Leistung gezeigt – zuvor überzeugte er oft (!) – und Trabzon benachteiligt, das steht außer Frage. Doch die Aktion, für die eine Straße nach Salih Dursun in einem Trabzoner Vorort benannt wurde, hat nicht dazu beigetragen, dass junge Menschen in Trabzon Respekt vor Unparteiischen haben. Und da macht man selbst vor den „eigenen Leuten“ nicht halt: Der Torrichter, der am Sonntag Prügel kassierte, hat selbst in Trabzon das Schiedsrichter-Handwerk gelernt und dort an der Universität studiert.

Trauriges Ende im Avni Aker

Das Skandalspiel war übrigens die letzte Partie im traditionsreichen Hüseyin Avni Aker-Stadion. Trabzonspor wird eine Sperre für seine Heimspiele bekommen. Diese muss laut Reglement bei mindestens fünf Partien liegen. Nächste Saison muss der Klub somit ohne Publikum im Akyazi-Stadion starten. Die neue Arena könnte aus Sicherheitsaspekten wieder für Ruhe sorgen. Einzelne Idioten wird aber auch das modernste Stadion der Welt nicht aufhalten können. Im Avni Aker jedenfalls haben viele Fans – nicht nur aus Trabzon, sondern aus dem ganzen Land – Sternstunden des türkischen Vereinsfußballs erlebt. In den 1970ern wurden hier die Gäste aus der Arena gefegt, die Istanbuler Klubs bissen sich die Zähne an Trabzonspor aus. Damals gewann der Verein sechs Titel in acht Jahren. Mit Kapitän Senol Günes hatte man zu dieser Zeit den vielleicht besten türkischen Torwart aller Zeiten in seinen Reihen und stellte einen bis heute gültigen Liga-Rekord auf: 90 Heimspiele in Folge blieb man ungeschlagen. Und dazu kommen viele unvergessene internationale Abende: Das 1:0 gegen den FC Liverpool 1976 im Europapokal der Landesmeister oder auch der Sieg gegen den großen FC Barcelona 1990. Nun muss die stimmungsvolle und oft berauschende Arena in Trauer sterben.

Wird Onur bleiben?

Doch der Sonntagabend wird auch auf die Mannschaft Auswirkungen haben. Torhüter Onur Kivrak hat sein Trikot und seine Handschuhe nach der Prügelattacke am Rande des Spielfelds abgelegt und wurde dafür unter anderem von Klublegende Gökdeniz Karadeniz per Tweet kritisiert. Kivrak rechtfertigte sich: Seine Familie sei beleidigt worden, er werde sich nun mit dem Präsidenten zusammensetzen und eine Entscheidung bekannt geben. Inzwischen hat sich Kivrak zwar für sein Verhalten entschuldigt und wurde nicht wie Erkan Zengin, Luis Cavanda, Fatih Atik, Sefa Yilmaz, Marko Marin und Özer Hurmaci suspendiert; dennoch ist fraglich, ob er nach dem Saisonende noch Teil der Mannschaft ist. Der 28-Jährige spielt inzwischen seit acht Jahren in Trabzon, er ist die Ikone des Vereins und die Seele der Mannschaft. Der Kapitän hat schon viele schwere Stunden dort erlebt, doch offenbar scheint es ihm nun zu reichen. Man steht sich halt durch solche Skandale immer wieder selbst im Weg. Onur Kivrak wurde in Trabzon zum besten türkischen Torwart und hatte seinen Platz in der Nationalelf sicher, bis ihn ein Kreuzbandriss zurückwarf. Noch ist er zwar nicht wieder in der Form der vergangenen Jahre, doch in der Türkei weiß man um seine Qualitäten. Wenn er den Verein verlässt, bei Galatasaray könnte übrigens der Platz von Fernando Muslera frei werden, wäre das ein herber Rückschlag. Weitere, vor allem ausländische Leistungsträger könnten folgen. Und somit könnte der Sonntagabend für einen Bruch im Team sorgen. Vereinsboss Usta wäre so oder so gut beraten, auf Basis der eigenen Nachwuchsleute auf eine Verjüngung zu setzen. Dann könnte man in der neuen Saison sowohl sportlich als auch finanziell neu starten – ohne den ganz großen Druck und vielleicht auch ohne die Last der Vergangenheit.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf GazeteFutbol.de.

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