Rückblick: So wurde Besiktas Meister!

Besiktas hat am 33. Spieltag den Titelgewinn in der Süperlig perfekt gemacht. Die „schwarzen Adler“ feiern damit nach schwierigen Jahren ein Happy-End. Doch was waren die Erfolgsfaktoren für den Triumph? Warum hat es diesmal geklappt und nicht schon im Vorjahr? Eine Analyse.

Es ist geschafft! Nach dem Double 2009 hat Besiktas wieder die türkische Meisterschaft gewonnen. Es ist der 14. Titel in der Süperlig und damit werden die „schwarzen Adler“ in der kommenden Saison direkt in der Champions League-Gruppenphase starten. Damit endet eine sportliche Leidenszeit des Traditionsvereins. Man bedenke: Noch vor fünf Jahren stand der Verein am Abgrund. Die Schulden waren (und sind) hoch, Spieler mussten auf Gehalt verzichten und in der Vorstandsetage herrschte Chaos. Präsident Fikret Orman hat Ordnung in den Verein gebracht, in diesen schwierigen Zeiten den Stadionbau begleitet und stets versucht, irgendwie das Geld zusammenzuhalten. Insofern hat er aus der Not eine Tugend gemacht. Denn Besiktas hat in den vergangenen Jahren die Transferausgaben reduziert und meist intelligente Zukäufe getätigt. Ein unglücklicher Mario Gomez in Florenz, ein unglücklicher Gökhan Töre in Kazan, ein Oguzhan Özyakup ohne Perspektive auf den A-Kader von Arsenal – das war nicht nur sportlich gut, das war auch einfach gutes Management. Der studierte Bauingenieur Orman und sein ehemalige Sportdirektor Önder Özen sind die Väter dieses Erfolgs.

Die Mannschaft ist reifer geworden

Doch was ist in dieser Saison anders als im vergangenen Jahr? Da lag man ebenfalls lange vorn, doch irgendwann zogen Galatasaray und Fenerbahce davon. Der Truppe ging die Puste aus. Nun: Besiktas ist reifer geworden. Jungspunde wie Ozzy Özyakup oder Töre haben dazugelernt und haben sich deutlich verbessert, vor allem sind sie effektiver geworden. Der im Winter verkaufte Ersan Gülüm sowie Ismail Köybasi haben noch einmal an Zweikampfstärke und Disziplin hinzugelegt. Atiba Hutchinson war die „Krake“ im Mittelfeld, die den Ball ansog und Löcher stopfte, wenn Jose Sosa und Oguzhan mal wieder die Defensivarbeit vernachlässigten. Mit 90% erfolgreich gespielter Pässe weist der Kanadier den besten Wert in der Liga auf. Ohnehin schafften es gleich fünf BJK-Spieler in Sachen Passquote unter die besten zehn der Liga. Mit Andreas Beck, Mario Gomez und Rhodolfo, der vor seinem Kreuzbandriss die Abwehr zusammenhielt, haben erfahrene Spieler den Ausschlag gegeben. Und Besiktas hat den Kopf nicht verloren. Mit Veli Kavlak, Tolgay Arslan und eben Rhodolfo fielen gleich drei wichtige Spieler verletzungsbedingt aus. Mit Marcelo Guedes aus Hannover hat man im Winter einen neuen und günstigen Abwehrchef gewonnen. Und nicht zu vergessen: Cenk Tosun war eine sichere Bank als Joker. Wenn er eingewechselt wurde, fiel oft noch das ersehnte Tor. Seine Vorlage zum Siegtreffer von Gomez gegen Galatasaray am 32. Spieltag zeigt, dass er nicht nur eigensinnig spielt. Dabei ist so etwas bei gelernten Stürmern meistens der Fall. Und last not least: Ricardo Quaresma, einst ein „disziplinloser Zigeuner“ auf dem Platz, der sich weder an Taktik noch Vorgaben hält, hat sich zusammengerissen. Er hat diszipliniert agiert und trotzdem auch mit so manchem Tor sowie einigen Rabonas die besondere Augenblicke geliefert. Die Summe aus diesen vielen richtigen Einzelentscheidungen hat also meines Erachtens im Titelkampf den Ausschlag gegeben. Es ist schließlich nie ein Spieler allein, nie nur der Trainer oder der Torschützenkönig, der Titel holt. Auch wenn die türkische Presse das gerne glauben möchte.

Europa League-Rückschlag verarbeitet

Zwischendurch drohte Besiktas das gleiche Schicksal wie in der Vorsaison. In der Europa League war man unglücklich ausgeschieden. Zwei grobe Schnitzer von Keeper Tolga Zengin führten dazu, dass man in der letzten Gruppenpartie bei Sporting trotz Führung noch 1:3 verlor. Das war bitter, hatte doch Tolga bereits das Aus im Vorjahr gegen Brügge zu verantworten. Dennoch hat die Mannschaft das relativ schnell weggesteckt und Cheftrainer Senol Günes an seinem Schlussmann festgehalten. Er wurde mit seiner ersten Meisterschaft als Coach belohnt. Ein wichtiger Vorteil für seine Mannschaft war, dass Fenerbahce lange auf drei Hochzeiten tanzte und nach dem mehr als unglücklichen, wenn nicht gar ungerechtfertigten Ausscheiden in Braga ebenfalls Rückschläge verarbeiten musste. Zudem arbeiteten sich die Kanarienvögel ins Pokalfinale vor, während Besiktas bereits im Viertelfinale Adieu sagte. Da Besiktas keinen so breiten Kader wie Fenerbahce zur Verfügung hat, könnte das am Ende den Unterschied gemacht haben.

Nicht immer holt die Abwehr die Titel

Normalerweise heißt es, der Sturm gewinnt die Spiele, die Abwehr die Titel. Die beste Abwehr hatte in dieser Saison Fenerbahce, dass die wenigsten Gegentreffer kassiert hat. Die beste Offensive trug aber schwarz und weiß. Warum hat sich diese alte Fußballweisheit dann in dieser Saison nicht bewährt? Besiktas hat zwar ähnliche viele Tore kassiert wie in der Vorsaison, aber deutlich mehr Treffer erzielt. Manchmal geben dann doch die Stürmer den Ausschlag. Insofern ist dieser Titelgewinn gut mit der Meisterschaft von Werder Bremen 2004 vergleichbar. Nicht der teuerste und größte Kader gewinnt immer, manchmal ist es die spielfreudigere und torhungrigere Mannschaft.

Dem Mutigen gehört die Meisterschaft

Bei einem Rückblick auf die Saison des Meisters lohnt es sich stets, die Statistiken zu analysieren. Sie helfen aber diesmal nur wenig weiter. Da liegt Besiktas beim Ballbesitz (55,9%) auf Platz eins (FB auf 3), ansonsten aber bei den Schüssen pro Spiel (hinter FB) und der Gesamtpassquote (hinter GS) jeweils auf dem zweiten Rang. Fenerbahce hatte zudem die Lufthoheit und gewann mehr Kopfballduelle als jedes andere Team der Liga. Insgesamt kann man aus den Statistiken aber keinen eindeutigen Faktor ermitteln, der dann für den Titelgewinn sorgte. Eines ist aber auffällig: Besiktas hat außer beim Rückspiel gegen Akhisar alle Spiele gewonnen, in denen sie den ersten Treffer erzielten. Und sie haben einen Großteil ihrer Tore nach der 60. Minute erzielt. Das spricht dafür, dass die Spieler gereift und mental stärker als in der Vorsaison sind. Zudem hat es Senol Günes verstanden, oft die richtigen Wechsel vorzunehmen. Er hat manchmal sehr viel riskiert, wenn Töre und Quaresma auf den Flügeln spielten und mit Cenk bereits ein zweiter Stürmer auf dem Feld stand. Dieser Mut wurde belohnt. Sein Gegenüber Vitor Pereira hat nur selten soviel riskiert, der Portugiese hielt an seiner kompakten Grundordnung oft sehr lange fest. Insofern war dieser Offensivdrang im Grundkonzept von Günes der vielleicht wichtigste Beitrag des Besiktas-Trainers zum Titelgewinn.

Das Stadion und das Glück

Ein motivierendes Element war sicherlich die Aussicht darauf, dass die Vodafone-Arena in dieser Saison fertig wird. Das hat nicht nur den türkischen Spielern im Team Flügel verliehen. Die neue Arena war auch stets ein Faktor für die Fans, die wohl bis zum Schluss nicht geglaubt haben, dass man Fenerbahce hinter sich lassen kann. Der Konkurrent hatte schließlich deutlich mehr in seinen Kader investiert und bereits von einer starken Heimkulisse profitiert. Aber manchmal sind es auch einfach Kleinigkeiten, die am Ende über Titelgewinn oder Vizemeisterschaft entscheiden. Ein Besiktas-Spieler sagte mir vor einigen Wochen, er sei immer noch selbst erstaunt, dass man Fenerbahce solange Paroli bieten konnte und nun vorne steht. Denn: Viele Spiele wurden sehr knapp entschieden. Besiktas hat diesmal auch gegen die sehr unangenehmen Gegner wie Kasimpasa, Bursaspor oder Basaksehir Siege einfahren können. Das ist ein Unterschied zur vergangenen Saison. Und auch die Derbys waren alles andere als klare Angelegenheiten. Während man in der vergangenen Saison kein einziges Duell mit Galatasaray oder Fenerbahce gewinnen konnte, stehen in dieser Spielzeit gleich drei Siege aus vier Spielen in den Büchern. Drei knappe Siege wohlgemerkt, die am Ende das i-Tüpfelchen auf die diesjährige Meisterschaft sind.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf GazeteFutbol.de.

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