Sechs Gründe, warum die Türkei bei der EM zur großen Überraschung bereit ist

Die Vorrundengruppe ist schwer. Doch die türkische Mannschaft startet bei der EM in Frankreich mit großen Hoffnungen. In den letzten Jahren hat Nationaltrainer Fatih Terim viel richtig gemacht - das sind die Gründe, wieso mit seinem Team zu rechnen ist.

Die türkische Nationalelf hat einen Wandel zum Guten durchgemacht. Ohne großes Aufsehen wurde von Trainer Fatih Terim eine Mannschaft geformt, die hungrig auf den Erfolg ist. Anders als in den vergangenen Jahren ist das Team nun auch in der Lage, spielerisch den Sieg zu erzwingen. Manche Beobachter werden sich in den kommenden Tagen die Augen reiben, wenn die türkische Elf bei der EM auftritt, wo man in der Vorrunde auf Kroatien, Spanien und Tschechien trifft.

Es gibt sechs wesentliche Gründe, warum man die türkische Mannschaft bei der EM auf der Rechnung haben sollte:

1. Turan, der Leader

In Arda Turan gibt es einen klaren Kopf der Mannschaft. Er ist der Kapitän und die Leitfigur im Team, auf den sich alle konzentrieren. Zum Unterschied vergangener Jahre beansprucht er seine Führungsrolle nicht wegen seines Alters, die Mitspieler folgen ihm vielmehr wegen seines Erfolges. Anstatt viel zu reden, zeigt er Leistung auf dem Rasen und spielt guten Fußball. Er hat bereits bewiesen, dass man sich Erfolg erkämpfen kann. Er hat sich in seinen Klubs durchgesetzt und es bis in die Topmannschaften der Welt gebracht. Jüngere Spieler folgen dem Mann vom FC Barcelona, er kann die jungen Spieler führen.

2. Calhanoglus Schussgewalt

Lange Zeit war die türkische Elf bei Standardsituationen harmlos. Das ist heute ganz anders. In Hakan Calhanoglu (Bayer Leverkusen) steht ein Mann in den Reihen der Türken, der zu den gefährlichsten Freistoßschützen der Welt gehört. Wenn er sich den Ball schnappt, dann hält nicht nur der gegnerische Torwart die Luft an. Calhanoglus Schüsse sind stramm und präzise. Eckbälle kommen nun deutlich schärfer in die Mitte und erzeugen Torgefahr. Weitere gute Schützen sind Selcuk Inan von Galatasaray und Caner Erkin, der ab nächster Saison bei Inter Mailand unter Vertrag steht. Die türkischen Spieler sind nun viel öfter in der Lage, bei Standardsituation auch ein Tor zu erzielen.

3. Mor verkörpert neue Generation

In der Türkei hat gerade wieder ein Wunderkind den Rasen betreten. Aktueller Neuling ist Emre Mor, gerade einmal 18 Jahre alt. Die Medien sind bereits aus dem Häuschen und voll des Lobes. Mor, der nach der EM für Borussia Dortmund spielen wird, erinnert in seiner Spielart an Lionel Messi. Mor ist auch Linksfuß und ebenso dribbelstark. Die Türkei hat sich in ihrer Mannschaftspolitik endlich von den alten Spielern im Team lösen können, die nicht freiwillig den Platz räumen wollten. Nun ist Platz für eine jüngere Generation, die vermehrt ihre Chance erhält und für den gemeinsamen Erfolg kämpft.

4. Kreativität macht Überraschungen möglich

Der Wandel im türkischen Fußball hat auch das Mittelfeld durchgewirbelt. In der türkischen Nationalmannschaft spielen Profis mit hohem fußballerischem Können. Auffällig ist jedoch, dass diese Fähigkeiten jetzt auf den Rasen umgesetzt werden können. Spieler wie Yunus Malli von Mainz 05 sind kaum zu bremsen, wenn sie in die Lücken vorstoßen. Die türkischen Spieler laufen deutlich mehr und eröffnen ihren Mittelfeldspielern neue Anspielstationen. Das klappt sehr gut, wie man im letzten halben Jahr verfolgen konnte. Wer Kreativität in sein Spiel bringt, der ist schwerer für den Gegner auszurechnen und erzeugt Gefahr. Die Türken sind nun jederzeit für eine Überraschung gut.

5. Babacan als starker Rückhalt

Endlich hat die Türkei in Volkan Babacan einen Stammtorhüter, der ganz anders und deutlich besser ist, als viele seiner Vorgänger. Seine Art ist eher zurückhaltend. Er ist die Ruhe selbst und das ist etwas, was die türkische Mannschaft unbedingt gebraucht hat: Einen ruhigen Pol, auf den sich die Mitspieler verlassen können. Wenn ein Schuss irgendwie noch haltbar ist, dann ist Babacan zur Stelle. Diese Veränderung zum Positiven zeigt sich auch in den Ergebnissen. Die Türkei kassiert viel weniger Tore als früher.

6. Die Mannschaft ist ein Team

Die türkische Mannschaft ist mittlerweile eine Gemeinschaft. Das war zum Leidwesen der Fans nicht immer so. Man spielt und kämpft nun miteinander. Das lässt sich im Auftritt der Milli Takim immer wieder erkennen. Es gibt keine Differenzen mehr, die aus den nationalen Vereinen der Spieler kommen. Die Zerstrittenheit hat sich in ein Wir-Gefühl gewandelt. Für Spieler, die den Frieden und die Harmonie in der Mannschaft stören könnten, ist kein Platz mehr, das ist auch gut so. Die Spieler gewinnen und verlieren gemeinsam für ihre Nation. Sie gehen den Weg zusammen, das sieht man auch im Spiel. Die neue türkische Mannschaft hat sich gewandelt. Sie tritt mit stolzer Brust und selbstbewusst auf. Man hat Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und ist überzeugt, dass man viel erreichen kann. Auf den Mannschaftsbus in Frankreich wurde der Slogan „Biz Bitti Demeden Bitmez“ aufgetragen, was so viel bedeutet wie „Es endet erst, wenn wir es sagen„.

Zum Autor:

Davut Cöl, selbst leidenschaftlicher Fußballfan und Finanzmarktanalyst, ist Autor von „Nicht gut genug. Die 24 Schwächen der türkischen Fußballnationalelf““. In seinem Buch wirft er einen Blick auf die Defizite des türkischen Fußballs und deckt diese schonungslos auf. Seine Analyse verbindet dabei taktisches Wissen mit praktischer Erfahrung aus dem Fußballsport. „Nicht gut genug“ wurde auf  vielen bekannten Portalen bereits positiv besprochen. Davut Cöl ist Gründer und Inhaber des Börsendienstes start-trading.de.

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