Ein Tag in Paris: So war die Stimmung bei Türkei vs. Kroatien

Die französischen Behörden stuften die Partie zwischen der Türkei und Kroatien wegen der Fangruppen und möglicher Anschläge als Hochrisikospiel ein. Gazetefutbol war vor Ort und erlebte ein friedliches Miteinander. Zudem haben wir einige Tipps gesammelt, wie man noch an Tickets für die weiteren Gruppenspiele gegen Spanien und Tschechien kommt.

„Hochrisikospiel“ war das entscheidende Wort, das durch die Gazetten im Vorfeld der Partie geisterte. Zum einen haben beide Fangruppen in der Vergangenheit bereits durch Ausschreitungen auf sich aufmerksam gemacht, wobei dies im Fall der Türken vor allem für Vereinsspiele gilt. Zum anderen hatte der ukrainische Geheimdienst wenige Tage vor Beginn des Turniers einen rechtsradikalen Franzosen festgenommen, der Sprengstoff und automatische Waffen in seine Heimat schmuggeln wollte. Die türkische Mannschaft bzw. ihre Fans, neben Albanien das einzige muslimische Team bei der EURO 2016, galten als ein mögliches Anschlagsziel. Zudem ist die Gefahr durch sogenannte islamistische Terroristen immanent. Sowohl die Franzosen als auch die Türken haben in den vergangenen 18 Monaten hier schmerzvolle Erfahrungen gesammelt. Und nicht zuletzt wollten die Sicherheitsbehörden ein Chaos wie in Marseille mit den tagelangen Ausschreitungen von englischen und russischen Anhängern sowie einheimischen Hooligans unbedingt vermeiden.

Leichte Vorteile für türkische Fans

Drei Stunden vor der Partie machten sich die Massen auf dem Weg in den „Parc des Princes“, der im Südosten der Stadt liegt. An den Metro-Stationen in der Innenstadt und rund um den Eiffelturm mit seiner Fanzone am Marsfeld, sammelten sich die Anhänger. Alles blieb zunächst friedlich. Lediglich in der Metro sahen wir eine Gruppe von jungen, offensichtlich leicht angetrunkenen Deutsch-Kroaten, die eine Gruppe von Deutsch-Türken provozieren wollten. Sprüche wie „ihr trinkt im Fastenmonat“ fielen, darauf ging jedoch niemand ein. Alles halb so schlimm also! Sicherheitsleute waren übrigens nur vereinzelt in der Metro zu sehen. Ansonsten gab es bis zum Anpfiff lediglich ein, zwei Rauchbomben vor dem Stadion, die von kroatischen Anhängern gezündet wurden. Der immer wieder einsetzende Regen dürfte hier seinen Beitrag zum friedvollen Miteinander geleistet haben. Insgesamt hatten wir den Eindruck, dass fast alle Fans bewusst ruhig und vorsichtig waren. Die Terrorangst war so manchem anzumerken. Richtig ausgelassen waren die meisten Fußballfreunde erst im Stadion. Vor dem Prinzenpark hatten wir das Gefühl, dass die Kroaten in der Mehrheit sind. In der Arena waren die türkischen Fans dann aber in der Majorität. Etwa die Hälfte dürfte zu den Roten gehalten haben, rund ein Drittel zu den Schachbrett-Jungs. In den 60 Minuten vor dem Spiel lieferten sich die Gruppen dann einen Gesangswettbewerb, den die türkischen Fans recht deutlich für sich entschieden. Die Kroaten waren in diesem Fall aber ein würdiger Gegner! Unserer (ganz subjektiven) Schätzung nach, dürften die meisten Türken im Stadion „Gurbetci“ gewesen sein, die Türken aus der Türkei waren in der Minderheit. Neben Deutsch-Türken waren auch zahlreiche Franko-Türken dabei. In Frankreich leben etwa 800.000 Menschen mit türkischem Background, mehr als die Hälfte davon wohnt im Großraum Paris.

Lieber fair als unfair

Eine tolle Geste zeigten die türkischen Fans dann beim Abspielen der Nationalhymnen. Als die kroatische Hymne gespielt wurde, wollten einige türkische Fans pfeifen. Doch die fairen türkischen Fans waren lauter und unterdrückten die anderen mit lauten „Psst“-Rufen, woran sich dann auch die meisten Fans hielten. Als die türkische Hymne dann abgespielt wurde, gab es ein gellendes Pfeifkonzert aus dem kroatischen Block. Der Türken-Hass, der seit dem jugoslawischen Bürgerkrieg in Kroatien wieder gepflegt wird, überwog hier. Doch die türkischen Kehlen waren im Stadion deutlich zu vernehmen. Den Fairness-Wettbewerb hatten die Türken also für sich entschieden und damit wohl auch die Gunst der neutralen Fans gewonnen. Denn in unserem Umfeld sitzende Franzosen, Iren und einige „Bio-Deutsche“ unterstützten während der folgenden 90 Minuten zumeist das türkische Team. Während des Spiels gab es übrigens nur jeweils eine Rauchbombe von beiden Seiten, zudem einen Knallkörper aus dem türkischen Block. Es blieb bei diesen einzelnen Aktionen. Und auch nach dem Abpfiff war es weitgehend ruhig. Auf dem Weg vom Stadion zur Metro hatten sich zwar einige böse dreinblickende Fans aus beiden Lagern positioniert, die man offensichtlich der Hooligan-Szene zuordnen konnte. Doch die Mehrheit der Türken war einfach enttäuscht; die Mehrheit der kroatischen Anhänger war dagegen froh, dieses schwierige Auftaktspiel gewonnen zu haben. Zu Prügeleien oder ähnlichem kam es im Umfeld der Arena nicht. Jedenfalls konnten wir dies nicht beobachten.

Es gibt noch Tickets

Wie bei mehreren Spielen bei dieser Europameisterschaft war auch der Prinzenpark nicht ganz voll. Etwa mehrere hundert Sitze blieben leer. Ob es die Terrorangst war, die Fans von einer Anreise abhielt? Oder waren es die hohen Preise in Paris? Der Euro hatte ja vor allem gegenüber der Lira zuletzt zugelegt, so dass ein Trip aus Der Türkei sehr teuer ist. Die Gründe kennen wir nicht, aber insgesamt gibt es wohl noch viele Tickets. Ein Kulturverein aus Köln hat sich deshalb direkt beim Verband noch einen Schwung Tickets für das letzte Gruppenspiel gegen Tschechien in Lens sichern können. Die Eintrittskarten musste man nur rechtzeitig im Mannschaftshotel abholen. Bezahlt wurde vor Ort in Euro und in bar! Wie wir erfuhren, sind noch weitere Tickets für die Partie zu haben. Lens liegt nah an der belgisch-französischen Grenze, nach Köln sind es nur rund 350 Kilometer. Insofern sollte eine kurzfristige Tour zur Euro 2016 durchaus drin sein. Eine Hamburger Reisegruppe berichtete, dass sie noch zwei Tage vor EM-Beginn Tickets für alle drei Gruppenspiele der Türken kaufen konnte. Zudem sicherte sich diese Gruppe Karten für weitere Spiele. Die Tickets gab es über die Webseite des türkischen Verbands sowie bei der UEFA. Wer also noch Lust auf ein wenig EM-Stimmung hat, sollte es probieren. Zur Not: Einfach beim Verband anrufen! Das soll helfen! Übrigens: Es war in Paris kein Problem, ein Doppelzimmer in einem ordentlichen Hotel für unter 60 Euro zu bekommen. Das ist normalerweise selbst ohne EM kaum drin.

Kaum EM-Stimmung

Apropos EM-Stimmung! Ja, die gibt es! Allerdings kaum unter Franzosen. Offenbar sind die Gallier von dem Großereignis genervt. Hier scheinen die nationalen Probleme – also weitreichende Streiks, die anhaltende Wirtschaftskrise und die stete Angst vor Terrorattacken – zu überwiegen. Ohnehin hat Fußball in Frankreich nicht den Stellenwert wie etwa in der Türkei, Kroatien oder Deutschland. Diesen Eindruck haben auch viele Medienvertreter geäußert, die wie wir vor Ort waren. Dafür gibt es von uns ein Lob für die Sicherheitsleute in Paris. Die Polizisten waren rund ums Stadion ansprechbar und wirkten deeskalierend. Selbst Fotowünsche von Türken und Kroaten wurden erfüllt. Und auch die vielen Ordner waren freundlich, gut organisiert und hilfsbereit. Auf der anderen Seite hat uns das Sicherheitskonzept im Stadion nicht überzeugt. Etwa ein Dutzend Ordner sicherten die jeweiligen Fanblöcke ab. Da es dazwischen jede Menge Anhänger beider Nationen gab, wäre ein Sturmlauf der einen oder anderen Gruppe, wie im Fall der russischen Fans am Ende der Partie gegen England, nicht zu verhindern gewesen. Da sollten sich die Franzosen im Laufe des Turniers etwas Besseres einfallen lassen. Einige „Hochrisikopartien“ warten schließlich noch auf uns.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf GazeteFutbol.de.

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