EM 2016: So kann die Türkei Titelverteidiger Spanien schlagen

Die Enttäuschung nach der Auftaktniederlage gegen Kroatien war groß. Doch am Freitag hat die türkische Mannschaft die Chance zur Wiedergutmachung. Mit Spanien wartet der Titelverteidiger, doch auch der hat seine Schwächen.

Nach der verdienten Auftaktniederlage gegen Kroatien steht am Freitag das schwere Spiel gegen Titelverteidiger Spanien auf dem Programm. Die Elf von Fatih Terim muss sich gewaltig steigern, um auch nach der anstehenden Partie eine realistische Chance auf die K.o.-Runde zu haben. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist: Spanien ist schlagbar und hat seine Schwächen. Der Favorit hat nicht mehr den Glanz früherer Tage. Das war schon bei der Weltmeisterschaft 2014 deutlich geworden. Im Auftaktspiel gegen die Niederlande kassierte die Selección damals eine bittere 1:5-Pleite. Wie hatten das die Holländer geschafft? Ganz einfach. Oranje spielte ein aggressives Pressing und versuchte mit hohen (manchmal auch flachen) Diagonal-Pässen die Viererkette zu knacken. Das gelang mehrfach. Unter anderem schenkte uns das nachlässige spanische Abwehrverhalten das Traum-Kopfballtor des in diesem Sinne wahrhaft fliegenden Holländers Robin van Persie.

1. Aggressives Pressing und viel Laufarbeit

Spanien spielt heute im Prinzip nicht anders als vor zwei Jahren. Allerdings ist die Mannschaft älter geworden. Und das sollte die Chance für die Türkei sein. Mit Pressing und viel Laufarbeit kann man die spanischen Reihen verunsichern. Wenn man sich wie die Tschechen darauf einlässt, einfach nur hinten drin zu stehen, wird man irgendwann ein Tor kassieren. Wenn man aber offensiv mit einer Dreierreihe attackiert, beispielsweise mit Hakan Calhanoglu, Yunus Malli/Arda Turan und Volkan Sen, sollte man die Iberer überraschen können. Allerdings: Im Match gegen Kroatien lief unsere Mannschaft lediglich 107 Kilometer und damit so wenig wie kein anderes Team bisher bei der EM. Das muss besser werden. Es ist meines Erachtens das stärkste Argument dafür, dass Arda Turan aus der Startelf weichen muss. Ein jüngerer und läuferisch besserer Spieler wie Yunus Malli wäre die richtige Wahl.

2. Kopfarbeit

Die Spanier stellen mal wieder die kleinste Mannschaft dieses Turniers. Das bietet Chancen für die türkische Equipe. Mit Mehmet Topal, Burak Yilmaz oder Hakan Balta hat man jede Menge große, kopfballstarke Spieler. Hinzu kommt, dass Calhanoglu und Selcuk Inan präzise Flanken liefern können! Im ersten Spiel gegen Kroatien gelang dies nicht. Will man Spaniens Hintermannschaft knacken, muss das besser werden. Hohe Bälle ins Zentrum oder über die Flügel sind ein Mittel der Wahl, im Klein-Klein sind die Spanier einfach besser.

3. Iniestas Kreise einengen

Nach den Rücktritten von Xavi Hernandes und Xabi Alonso scheint Andres Iniesta noch wichtiger für die spanische Nationalmannschaft geworden zu sein. Die Tschechen schafften es selten, die Kreise des Regisseurs einzuengen. Ganz anders dagegen die Kroaten, die erkannt hatten, dass Oguzhan Özyakup die wichtige Verbindung zwischen defensivem Mittelfeld und der Sturmreihe darstellt. Sie nahmen ihn phasenweise komplett aus dem Spiel. Es wird schwierig sein, Iniestas Kreise ähnlich zu verengen. Aber: es ist möglich, wenn man eng an dem Zauberfuß dran bleibt und stets kurz nach der Ballannahme attackiert. Im besten Fall kommt er nicht an den Ball. Dann fehlt es Spaniens restlicher Mittelfeldreihe an den zündenden Ideen. Gegen Tschechien liefen übrigens 42% der spanischen Attacken über rechts, hier trieb sich Iniesta am häufigsten herum. Die linke Seite mit David Silva und Cesc Fabregas wurde dagegen vernachlässigt. Iniestas Kreise kann man einengen, in dem man wie früher einen direkten Gegenspieler auf ihn ansetzt. Das klingt taktisch überholt, damit rechnet aber im modernen Fußball kaum jemand. Es ist ein probates Mittel. Das kann sowohl Ozan Tufan sein; möglicherweise aber beordert Terim ja Mehmet Topal ins defensive Mittelfeld. Der „Spinne“ trauen wir zu, dass sie das Netz um Iniesta ganz eng zieht.

4. Schnell kontern

Die Innenverteidigung der Spanier besteht aus Sergio Ramos und Gerard Pique. Beide sind mit 30 bzw. 29 Jahren nicht mehr die Jüngsten, aber ganz sicher auch noch keine Oldies. Sie sind immer noch Weltklasse. Aber: auch sie haben eine Schwäche. Es drängt sie nach vorne. Sie werden in das Passspiel der Spanier im Mittelfeld eingebunden, wenn das eigene Spiel nicht vorankommt. Daher stehen sie oft recht weit vorne, manchmal zu offensiv. Das sollte dem Gegner stets Konterchancen eröffnen. Die Tschechen konnten dies kaum ausnutzen, sie spielten de facto ein 9-1-System mit Tomas Necid als alleinige Offensivkraft. Da auch das „Mittelfeld“ der Tschechen bei Ballgewinn kaum nachrückte, waren Konter eine Seltenheit. Die Türkei muss hier aufbauend auf einem intensiven Pressing mit ihren Offensivkräften attackieren und bei Ballgewinn schnell ausschwärmen. So kann man das Duo Pique/Ramos knacken. Und so haben es die Holländer 2014 vorgemacht.

Ein Punkt reicht!

Welche Mittel man schließlich gegen die Spanier einsetzt, wird davon abhängen, welche Veränderungen Fatih Terim in der Startelf vornimmt. Hier gibt es auch einige Widersprüche. So ist Burak Yilmaz zwar kopfballstark, machte zuletzt aber läuferisch keinen guten Eindruck. Somit wäre er eigentlich ein Kandidat für die Bank, wenn man Pressing spielen will. Cenk Tosun bringt dagegen das Läuferische mit, ist aber nicht so kopfballstark. Hier muss Terim eine gute Entscheidung treffen. Halbschwanger geht jedenfalls nicht. Fakt ist aber auch, dass Spanien ein ganz anderer Gegner als Kroatien ist. Und das Terim dieses Mal einen Vorteil hat. Spanien hat die Schwächen im Match gegen Kroatien sicher gut analysiert. Es könnte den einen oder anderen Spieler dazu bringen, die türkische Mannschaft zu unterschätzen. Das ganz große Risiko muss Terim übrigens nicht gehen. Schon ein Punkt gegen die Iberer könnte Gold wert sein. Dann muss zwar ein Sieg gegen Tschechien her, aber die sind auch wesentlich schwächer als die Spanier.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf GazeteFutbol.de.

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