Der Zeuge, der die Wahrheit sprach: Elie Wiesel ist tot

Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel ist gestorben. Er war einer der wichtigsten Zeugen für den Holocaust und hat eine Tradition des Erinnerns geprägt.

Elie Wiesel. Foto: Flickr/ Nobel Laureate Elie Wiesel by Veni CC BY 2.0)

Elie Wiesel. Foto: Flickr/ Nobel Laureate Elie Wiesel by Veni CC BY 2.0)

Der Holocaust-Überlebende und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel ist tot. Er sei im Alter von 87 Jahren in den USA gestorben, berichteten israelische Medien und die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem am Samstagabend.

Der 1928 in Rumänien geborene Wiesel hatte das Grauen der Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald überlebt. Seitdem engagiert sich der in New York lebende Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger für das Wachhalten der Erinnerung an die Opfer des Holocaust.

Mit seinem 1958 erscheinen Buch „Die Nacht“ begründete er eine einzigartige Art des Erinnerns, in der die Schilderung der Realität des Bösen im Mittelpunkt stand. Er prägte mehrere Generationen in Deutschland, die dank seiner nüchternen Aufzeichnungen lernten, sich der Geschichte des Nationalsozialismus zu stellen.

Am 27.01.2000 hielt Wiesel im Deutschen Bundestag eine Rede. Wir dokumentieren die Rede im Wortlaut:

Lassen Sie mich mit einer Geschichte beginnen, doch zuvor hoffe ich auf Ihr Verständnis, dass ich als Zeuge zu Ihnen spreche. Und ein Zeuge muss beschwören, dass er die Wahrheit spricht.

Der Jude, der ich bin, glaubt dazu ein Gebet sprechen zu sollen. Vor 55 Jahren kamen die Russen für mich und die mir Nahestehenden ein bisschen zu spät. Darum schauen sie nicht mich an und den Mann, der ich heute bin. Sondern versuchen Sie bitte, in mir die Person zu sehen, die ich vor 55 Jahren war.

Heute bin ich hier mit meiner Frau Marion und zwei sehr nahen Freundinnen Inga und Ira, und darum will ich ein Gebet sprechen. Es stammt aus dem Buch Baruch und heißt: „Gepriesen sei der Herr, dass er mich heute hier sein lässt.“

Und nun zu der Geschichte.

Es war einmal, da lebte in einem fernen Lande ein guter König. Eines Tages sagten ihm seine Sterndeuter, die nächste Ernte werde verflucht sein, und wer von ihr esse, verfalle dem Wahnsinn. Also ließ er einen riesigen Kornspeicher bauen und lagerte dort alles ein, was von der letztjährigen Ernte übrig geblieben war. Sodann vertraute er den Schlüssel zum Kornspeicher seinem engsten Freund an und sagte zu ihm: „Wenn meine Untertanen und ihr König vom Wahnsinn befallen sein werden, sollst du ganz allein das Recht haben, den Kornspeicher zu betreten und unverseuchte Nahrung zu essen. Auf diese Weise entgehst du dem Fluch. Dafür aber fällt dir eine lebenswichtige und unmögliche Aufgabe zu. Du musst kreuz und quer durch die Welt wandern von einem Lande zum andern, von Stadt zu Stadt, von Marktflecken zu Marktflecken und von Person zu Person und aus Leibeskräften rufen: Gute Leute, vergesst nicht, dass ihr wahnsinnig seid! Frauen und Männer, vergesst nicht, vergesst doch bitte nicht, dass ihr wahnsinnig seid!“

Diese Erzählung des großen Rabbi Nachman von Brazlaw, einem Vorläufer von Franz Kafka, gilt gewiss für das Jahrhundert, das eben zu Ende ging, ein Jahrhundert, in dem in der Geschichte der Wahnsinn ausbrach und sie oft zum Alptraum werden ließ. Darum gehen auch wir Zeugen durch die Welt, um einfach zu verkünden: „Vergesst nicht, dass Ihr wahnsinnig wart, vergesst nicht, dass die Geschichte den Wahnsinn beherbergte.“ Der Mann, den Sie liebenswürdigerweise zur Teilnahme an dieser bewegenden Feierstunde in Erinnerung an die Opfer dessen einluden, was wir so unzureichend mit Shoa oder Holocaust bezeichnen und wofür es keine Worte gibt, ist der Sohn eines alten Volkes, dessen Auftrag über die Jahrhunderte darin bestand, den einzigen Gott und die Heiligkeit des menschlichen Lebens zu verkünden. Vor sechzig Jahren wurden er und seine Gemeinschaft in dieser Metropole und Weltstadt der Isolation, dem Elend, der Verzweiflung und dem Tod überantwortet. Dennoch spricht er heute zu Ihnen als Zeuge, und ich hoffe, Sie glauben mir, dass ich zu Ihnen ohne Hass noch Bitterkeit spreche. Mein ganzes Erwachsenenleben lang habe ich versucht, Worte zu finden, die den Hass bekämpfen, aufspüren, entwaffnen – nicht ihn verbreiten.

Werden meine Worte Sie verletzen? Das ist nicht meine Absicht. Doch bitte ich Sie zu verstehen, dass, als ich dieses Hohe Haus betrat, ich meine Erinnerungen nicht hinter mir ließ. Ihretwegen sind sie sogar lebhafter denn je. In diesem kurzen Augenblick will ich nichts anderes tun, als mit wenigen Worten an ein beispielloses Geschehen erinnern, das auf Generationen hin auf dem Schicksal Ihres und meines Volkes lasten wird.

Ich kann dieses Geschehen nicht fassen. Ich versuche es immer noch. Seit meiner Befreiung am 11. April 1945 habe ich alles gelesen, was ich dazu in die Hand bekommen konnte. Historische Abhandlungen, psychologische Analysen, Zeugenaussagen und Vermächtnisse, Gedichte und Gebete, Tagebücher von Mördern und Betrachtungen von Opfern, sogar an Gott adressierte Kinderbriefe. Doch bringe ich es auch fertig, mir die Fakten, Zahlen und technischen Aspekte der „Aktionen“ anzueignen, so entzieht sich mir immer noch die unerbittliche Bedeutung, die allem innewohnt und es übersteigt. Die Nürnberger Gesetze, die judenfeindlichen Verordnungen, die Kristallnacht, die öffentliche Demütigung stolzer jüdischer Bürger, darunter auch tapferer Frontkämpfer des Ersten Weltkrieges, die ersten Konzentrationslager, die Euthanasie deutscher Bürger, die Wannsee-Konferenz, auf der die höchsten Beamten des Landes einfach den Wahnsinn hatten, die Gültigkeit, Legalität und Methoden der Vernichtung eines ganzen Volkes zu diskutieren. Und dann natürlich Dachau, Auschwitz, Majdanek, Sobibor – diese Hauptstädte dieses Jahrhunderts. O diese Namen … Wahrzeichen, Flaggen, schwarze Flaggen, der Welt zur Erinnerung an eine Welt, die damals war. Was hat sie ermöglicht? Wie soll man den Kult von Hass und Tod begreifen, der in Ihrem Lande herrschte?

Wie konnten intelligente, oft hervorragend gebildete junge Männer aus gutem Hause und mit Diplomen der namhaftesten deutschen Universitäten in der Tasche, die damals zu den angesehensten der Welt zählten, sich so sehr vom Bösen verführen lassen, dass sie ihren Genius, diesen Genius des Bösen, dafür einsetzten, jüdische Männer, Frauen und Kinder zu quälen und zu töten, die sie noch nie gesehen hatten? Sie taten es ja nicht etwa, weil diese Juden reich oder arm, gläubig oder ungläubig, politische Gegner, Patrioten oder Kosmopoliten waren, sondern einzig darum, weil sie als Juden geboren waren. Ihre Geburtsurkunde war de facto ihr Todesurteil. Haben sich ihre Henker wirklich stark und heldenhaft gefühlt, indem sie wehrlose Kinder mordeten? Konnten sie denn wirklich Angst haben vor alten und kranken Personen und kleinen Kindern, so dass sie sie zur erwählten Zielscheibe stempeln mussten? Was hatten sie denn an sich, das ihnen solche Angst einjagte? Ihre Schwäche, ihre Un-schuld vielleicht? Waren die Mörder überhaupt noch Menschen? Diese Frage ist meine Zwangsvorstellung. Wo endet Menschlichkeit? Gibt es eine Grenze, jenseits der Menschlichkeit ihren Namen nicht mehr verdient?

Während meiner Vorbereitung auf meine heutige Begegnung mit Ihnen – die ich (und Sie, Herr Bundestagspräsident, haben es gesagt) auf mehr als nur einer Ebene symbolisch empfinde – habe ich gewisse Berichte von Überlebenden und Zeugen wieder gelesen, die zum Teil noch leben, zum Teil schon tot sind. Und wieder traf mich mit voller Wucht die ewige Gleichartigkeit der grausamen Szenen. Es ist, als habe ein einziger Deutscher, immer derselbe, je und je immer nur ein und denselben Juden gequält und getötet, sechs Millionen mal. Und doch ist jede Episode so unverwechselbar einmalig, wie jeder nach Gottes Bildnis geschaffene Mensch einmalig ist.

Das ist der Grund, warum ich – ich bin kein Historiker – nicht von der Geschichte spreche, sondern einfach Geschichten erzähle. Hier ist eine von ihnen: Sie geschieht im September 1941 in Babi-Yar in Kiew und wird von einem Augenzeugen, einem gewissen B. A. Liebmann berichtet.

Eine jüdische Familie hält sich seit Tagen in einer Höhle versteckt. Die Mutter beschließt, mit ihren beiden Kindern im nahen Dorf Hilfe zu suchen. Sie fallen einer Gruppe betrunkener Deutscher in die Hände, die nun vor den Augen der Mutter erst das eine Kind köpfen, dann das andere. Während die fassungslose Mutter die Körper ihrer beiden toten Kinder umklammert, bringen die Deutschen, denen das Schauspiel offenkundig Vergnügen bereitet, auch die Mutter um. Als der Vater auf der Bildfläche erscheint, wird er ebenfalls ermordet. Ich fasse das nicht.

Man könnte mehr solche Geschichten erzählen, sechs Millionen mehr. Von allen Verbrechen gegen das jüdische Volk, das meinige, ist das Schlimmste der Mord an seinen Kindern. Immer waren sie die ersten, die ergriffen und in den Tod geschickt wurden. Eineinhalb Millionen jüdischer Kinder sind umgekommen. Meine Damen und Herren, wollte ich heute allein ihre Namen aufsagen, die Moischele, die Jankele, die Sodele, wollte ich allein ihre Namen rezitieren, ich stünde Monate und Jahre hier …
Aber haben denn nicht auch die Völker der Welt mit ihnen so unendlich viel verloren, nicht nur mein eigenes? Wie viele Wohltäter der Menschheit kamen da um, als sie gerade einen Monat, ein Jahr alt waren? Wissenschaftler hätten unter ihnen sein können, Forscher, die ein Heilmittel für AIDS oder eine Heilung für Krebs erfunden hätten. Große Gedichte hätten sie schreiben können, die jedem Inspiration geboten, ihn zum Verzicht auf Gewalt und Krieg bewegt hätten, oder auch nur ein paar Worte oder ein Lied, in denen Menschen endlich zusammengefunden hätten.

Es gibt ein Bild, wie lachende Soldaten einen jüdischen Jungen in einem Ghetto umringen, wahrscheinlich in Warschau. Ich sehe es mir oft an. Was an dem traurigen und verängstigten jüdischen Kind mit den hoch erhobenen Armen amüsierte die deutschen Soldaten denn so? Was war denn so komisch daran, ihn zu foltern? War diesen Soldaten, vermutlich guten Ehemännern und Vätern, denn nicht bewusst, was sie ihm antaten? Dachten sie nicht an ihre eigenen Kinder und Enkel, die später die Bürde ihrer Verbrechen zu tragen hatten und die doch, wie ich noch sagen werde, unschuldig sind? Iwan Karamasow war der Meinung, „grausame Menschen sind manchmal sehr kinderlieb“. Mag sein, aber für jüdische Kinder gilt das nicht.

Natürlich wurde uns Juden im besetzten Europa bald klar, dass die freie Welt wusste, was mit uns geschah, und sie deshalb, wenngleich in ganz anderem Maße, mitverantwortlich war. Die Alliierten schien es nicht besonders zu kümmern; sie machten ihre Grenzen für uns nicht auf, als noch Zeit war. Und so gelangte Berlin zu der Überzeugung, unser Schicksal berühre niemanden wirklich. Nicht einmal Gott, den Gott Israels, schien es zu rühren. Mehr noch als das Schweigen der andern war sein Schweigen ein Geheimnis, das vielen von uns rätselhaft bleibt und uns bedrückt bis auf den heutigen Tag. Doch dies ist ein anderes Thema, das wir am heftigsten diskutieren, wenn wir unter uns sind. Wovon wir heute reden sollen, das sind nur die Juden und die Deutschen, damals und jetzt. Mein Volk hatte zahllose Feinde, seitdem es auf der Weltbühne auftrat. Wir erinnern uns ihrer aller. Aber keiner hat uns so tief verwundet wie Hitlerdeutschland. Im Verlauf der Jahrtausende haben wir Diskriminierung, Verfolgung, vielfältige Isolierung erlitten, die Kreuzzüge, die Inquisition, die Pogrome, die verschiedenen Folgen eingefleischten Judenhasses überlebt. Aber der Holocaust ging viel weiter. Ich sage es unter Schmerzen: Kein Volk, keine Ideologie, kein System hat je in so kurzer Zeit ein solches Ausmaß an Brutalität, Leid und Demütigung über ein Volk gebracht wie das Ihrige über das meine.

Das Urteil, welches das Dritte Reich über uns sprach, war tödlich und unwiderruflich. Die bis ins Kleinste geplante Endlösung war geradezu eschatologisch; ihr Ziel war die Vertilgung auch noch des allerletzten Juden vom Antlitz der Erde. Dieses Ziel stand über allen anderen; so genoss beispielsweise die Deportierung der ungarischen Juden, zu denen ich gehöre, Vorrang vor dem Transport der dringend benötigten Soldaten zur Front.

Ich weiß, dass nicht alle Deutschen mitmachten, und auch an sie müssen wir denken. An jene, die den Mut hatten, sich gegen die amtliche Rassenideologie zu stellen. Jene, die dem totalitären Nazi-Regime widerstanden. Jene, die es zu stürzen versuchten und mit ihrem Leben dafür bezahlten. Zu Recht ehren Sie ihre Tapferkeit. Nur, leider, waren es wenige. Und die jüdischen Freunden und Nachbarn beistanden, waren noch weniger.

Viele in Deutschland und anderswo lasten heute alle Schuld den Nazis auf. „Die Nazis haben dies oder jenes getan“, heißt die akzeptierte Formel. Die Nazis, nicht die Deutschen. Soll das heißen, dass es zwei parallele Geschichten Deutschlands gibt, eine Nazi-Geschichte und die deutsche Geschichte? Natürlich waren nicht alle Deutschen Nazis. Aber wiederum kann ich Ihnen als Zeuge sagen, dass damals das Wort „deutsch“ Ängste einjagte, dass wir uns fürchteten, wenn wir hörten, die Deutschen kämen.

An diesem Ort versuchen die neuen Führer des deutschen Volkes tapfer und ehrenvoll ein neues Schicksal aufzubauen. Eine menschlichere Philosophie für die Lebenden, und wir sind gekommen zu sagen, wie sehr wir dies begrüßen. In jener Zeit kam der Beschluss, uns aus der Geschichte zu beseitigen, zwar von höchster Stelle, aber ausgeführt wurde er unten. Und wenn man die Opfer fragt, war alles deutsch – das Zyklongas war deutsch, die die Krematorien bauten, waren deutsch, die die Gaskammern bauten, waren deutsch. Die Befehle wurden auf deutsch gegeben. Paul Celan sagt: „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland.“ Celan hat Selbstmord verübt, weil er gespürt haben dürfte, dass sein Ausspruch diese wesentliche Wahrheit seiner oder unserer Erfahrung immer noch nicht mitzuteilen vermochte. Bis zum Ende der Zeiten wird Auschwitz Teil Ihrer Geschichte sein, so wie es Teil der meinigen sein wird.

Ich weiß, es fällt Ihnen schwer und schmerzt Sie, in solchen Kategorien zu denken. Sie sind eine neue Generation, keiner von Ihnen musste einen Eid auf Hitler leisten. Natürlich hat keiner von Ihnen ein Verbrechen oder eine Sünde begangen. Aber ich bin sicher, dass sie sich in bangen Momenten fragen, wo waren damals unsere Eltern, wo standen sie?

Ich sehe mich veranlasst, hier zu wiederholen, was ich überall sage: Ich glaube nicht an Kollektivschuld; nur die Schuldigen sind schuldig; nur sie und ihre Komplizen. Nicht jene, die damals noch nicht waren, und schon gar nicht die Kinder. Die Kinder von Mördern sind nicht Mörder, sondern Kinder. Und Ihre Kinder, von denen viele so gut sind, ich kenne sie doch. Ein paar waren meine Schüler. Sie sind wunderbar, hoch motiviert und zugleich sich quälend, verständlicherweise. Irgendwie fühlen sie sich schuldig, obwohl sie keinen Anlass dazu haben. Und was sie tun, um Ihr Land und Volk zu erlösen, ist gewaltig. Alles Geistige berührt sie. Sie gehen nach Israel und helfen beim Aufbau mit, verhelfen den Menschenrechten zum Durchbruch, weil sie, Ihre Kinder, spüren, dass diese dunkle Zeit nicht in Vergessenheit geraten darf.

Was also ist es, was wir den Holocaust nennen? War er eine Konsequenz der Geschichte, eine Verirrung der Geschichte? Dies ist nicht die Zeit und der Ort, darüber zu sprechen. Dafür gibt es andere Zeiten, in der Schule zum Beispiel, denn Erziehung ist wichtig. Gestern nahmen der Bundeskanzler und ich an einer Sitzung in Stockholm über die Holocaust-Erziehung teil. Und Ihre Worte sind dort auf großes Echo gestoßen. Ich weiß nicht, ob ich die Antwort parat habe, aber Erziehung über den Holocaust ist bestimmt ein wichtiger Teil der Antwort. Also tut es, nehmt euch die Zeit, bewilligt die Gelder, tut, was immer ihr könnt, damit die Kinder, Ihre Kinder, die wissen wollen, auch wissen können.

Hier stehe ich und erinnere mich an vor 55 Jahren. Ich erinnere mich, und wenn ich sagen soll, woran ich mich erinnere, dann zittere ich. Reden wir also lieber von dem, was zu tun ist. Ich als Jude spreche natürlich von den jüdischen Opfern, von meinem Volk. Ihre Tragödie war einmalig, aber ich vergesse darüber die anderen Opfer nicht. Wenn ich als Jude von jüdischen Opfern spreche, dann ehre ich auch alle anderen. Ich pflege zu sagen: Waren auch nicht alle Opfer Juden, so waren doch alle Juden Opfer.
Ihrer zu gedenken, Herr Präsident, Herr Bundeskanzler, Herr Bundestagspräsident, hat dieses Parlament beschlossen, den 27. Januar zum Nationalen Holocaust-Gedenktag zu erheben, und diese Entscheidung macht Ihnen Ehre. Meine Anwesenheit heute soll Ihren Willen bezeugen, die Pforten der Erinnerung zu öffnen – und gemeinsam unsere Überzeugung und Entschlossenheit zu bekunden, dass es höchste Zeit ist, dass Kain aufhört, seinen Bruder Abel zu ermorden.

Gewiss wird es Stimmen geben, die sagen, man mache es sich zu leicht, wenn man einen Tag im Jahr dazu ausersehe, einen Gedenkspruch zu sprechen und sich dann wieder dem Alltag zuzuwenden. Das sei doch bloßer Schein. Doch ich bin nicht dieser Meinung. Ich nehme Ihren Schritt ernst. Ich glaube nicht, dass Sie sich der Befreiung von Auschwitz erinnern wollen, um Auschwitz zu vergessen. Im Gegenteil, Sie wollen diese Befreiung ins Gedächtnis rufen, um alles davor zu verurteilen und mehr darüber zu erfahren. Ebenso wenig glaube ich, dass Sie den unanständigen Stimmen in diesem Land Gehör schenken wollen, die Ihnen einflüstern, doch endlich „das Blatt zu wenden“, weil Sie angeblich „diese Geschichten satt haben“. Wer einen Schlussstrich ziehen will, hat es schon längst getan. Er hat nicht nur das Blatt gewendet, sondern es aus seinem Bewusstsein gerissen. Wer sich dazu herbeilässt, die Erinnerung an die Opfer zu verdunkeln, der tötet sie ein zweites Mal. Das aber ist dann seine Last.

Nach dem Krieg erwarteten einige von uns von einem besiegten und gedemütigten Deutschland eine kraftvollere Botschaft der Reue und Zerknirschung, die dem moralischen Anspruch gemäß wäre; es war aber eher nur eine politische. Doch dann, seit Konrad Adenauers Zeiten, sind Sie eine Demokratie geworden, die würdig war, ihren Platz in der Völkerfamilie einzunehmen. Sie haben Israel politisch, wirtschaftlich und strategisch konsequent unterstützt. Ihre finanziellen Wiedergutmachungsleistungen an die Opfer, vor allem die jüdischen, und das, was sie für die Zwangsarbeiter nun als Gesetzentwurf vorsehen, sind positiv. Aber vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt gekommen für eine Geste, die weltweites Echo fände.

Bundespräsident Rau, vor ein paar Wochen haben Sie sich mit einer Gruppe von Auschwitz-Überlebenden getroffen. Einer davon erzählte mir, Sie hätten etwas sehr Bewegendes gesagt. Sie baten um Verzeihung für das, was das deutsche Volk ihnen angetan hat. Warum dies nicht auch hier tun, im Geist dieses feierlichen Tages? Warum soll nicht der Bundestag dies Deutschland und seinen Verbündeten und Freunden und insbesondere den jungen Menschen sagen? Haben Sie das jüdische Volk gebeten, Deutschland zu verzeihen, was das Dritte Reich in Deutschlands Namen so vielen von uns angetan hat? Tun Sie es, und es wird in der Welt widerhallen. Tun sie es, und dieser Gedenktag erhält eine noch größere Dimension. Tun sie es, und die Welt wird wissen, dass ihr Vertrauen auf Deutschland nun wahrhaft gerechtfertigt ist. Denn jenseits aller nationalen, ethnischen oder religiösen Erwägungen war in jenen dunklen Tagen die Menschheit als solche gefährdet. Ist es in gewisser Weise immer noch. Was immer das neue Jahrhundert bringen mag, und wir brauchen verzweifelt Hoffnung für das neue Jahrhundert und seine neue Generation – Auschwitz wird den Menschen weiterhin zwingen, die dunkelsten Abgründe seines Seins zu durchforschen und sich ihrer schwankenden Wahrheit zu stellen.

Oben sagte ich, dass ich Geschichten bevorzuge. Lassen Sie mich schließen mit der Geschichte eines kleinen Judenmädchens, das gemeinsam mit ihrer Mutter in der Nacht ihrer Ankunft im Mai 1944 in Birkenau starb. Acht Jahre war sie alt und hatte nichts getan, was Ihrem Volk hätte schaden können – warum musste sie diesen grässlichen Tod erleiden? Und würde ihr Bruder so alt wie die Welt, er würde es niemals begreifen. Darum zitiert er einfach einen anderen großen chassidischen Meister, Asasow von Galizien. Er war für sein Mitgefühl bekannt und sagte: „Meine Freunde, wollt ihr den Funken finden? Sucht ihn in der Asche.“

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