Wetten: Razzia bringt 700 Millionen US-Dollar

Mit der Operation „Handicap“ ist die türkische Polizei gegen illegale Wettanbieter vorgegangen. Dabei wurden Wertgegenstände von mehr als 700 Millionen US-Dollar beschlagnahmt. Die Razzia zeigt, wie groß der Sportwettenmarkt in der Türkei inzwischen ist.

An den Devisenmärkten dieser Welt werden jeden Tag mehr als 5,1 Billionen US-Dollar umgesetzt. Das ist weit mehr als in einem Jahr überhaupt auf der Welt erwirtschaftet wird. Der Handel hat sich also längst von der Realität abgekoppelt. Eine ähnliche Entwicklung kann man auch im Sport beobachten. Mit der Liberalisierung vieler Wettmärkte in Europa haben sich mehrere hundert Anbieter auf die Jagd nach Kunden gemacht. Inzwischen wird allein mit Fußballwetten mehr umgesetzt als alle europäischen Vereine zusammen einnehmen. Genaue Angaben finden sich zum Wettmarkt nicht, das Geschehen ist zu unübersichtlich und kaum transparent. Die Fußballvereine der Top-Ligen nahmen in der vergangenen Saison aber deutlich mehr als 50 Milliarden Euro ein. Sie sind wie die Wettfirmen inzwischen ein echter Wirtschaftsfaktor.

Staatliches Monopol auf Wetten

Das gilt auch für die Türkei, allerdings mit einem großen Unterschied zu den meisten europäischen Ländern. Zwischen Edirne und Van schwingt der staatliche Monopolist Spor Toto mit seiner Tochter Iddia das Zepter. Die islamisch orientierte Regierung der AKP will Wetten, was als Glückspiel qualifiziert wird, nicht fördern. Und so darf in den vielen tausend Iddia-Wettshops nicht getrunken oder gar ein Spiel der Süper Lig übertragen werden. Zudem sind die Quoten im Vergleich zu der internationalen Konkurrenz unterirdisch. Das aber hält viele Türken nicht vom Wetten ab. Iddia hat seine Einnahmen zwischen 2009 und 2015 auf mehr als 15 Milliarden Lira verdoppelt. Und auch für die Vereine ist es ein großes Geschäft. Allein Trabzonspor rechnet in dieser Saison mit Zusatzeinnahmen durch Wettlizenzen von 4,7 Millionen Lira. Alle Klubs verdienen mit, wenn auf sie gewettet wird. Zudem engagiert sich Spor Toto als Sponsor von Ligen oder auch auf der Brust von Vereinen. Seit dieser Saison ist der Mutterkonzern beispielsweise der Trikotsponsor von Konyaspor, was dem Europa League-Teilnehmer 9 Millionen Lira für drei Jahre bringt.

Razzia gegen illegale Anbieter

Doch wo der Staat ein Monopol errichtet, sind illegale Anbieter nicht weit. Nun rückten die Staatsanwälte mit hunderten Polizisten aus. Bei der Operation „Handicap“ wurden laut Medienberichten insgesamt 57 Personen festgenommen. Sie arbeiten hauptsächlich für Firmen mit Sitz in England und auf Nordzypern, wo es legale Lizenzen für private Wettanbieter gibt. Nach 33 weiteren Personen wird noch gefahndet. Bei der Razzia wurden 6 Millionen Lira in bar beschlagnahmt und etliche Bankkonten gesperrt. Zudem konnte die Staatsmacht Immobilien und Luxusautos im Wert von 700 Millionen US-Dollar sicherstellen. Dieser Anbieter soll allein 1,5 Milliarden durch illegale Sportwetten erwirtschaftet haben. Aus Polizeikreisen heißt es, dass sich auf der Webseite rund 2,5 Millionen Kunden registriert hätten. Diese müssen nun mit einer Strafe von 100 Lira pro Person rechnen. Das wären immerhin 250 Millionen Lira für den Staat. Die Zahlen zeigen, dass der Schattenwettmarkt offenbar ähnliche Dimensionen hat wie der legale. Die Polizei hat es im Kampf gegen die illegalen Anbieter, die auch mal schnell ihre Webseite wechseln, schwer. Dieses mal half ein Tipp eines Unternehmers, dessen Sohn wettabhängig geworden war.

Kommt jetzt die Öffnung?

Dabei wurde nur gegen eine einzige Wettstruktur vorgegangen. Es gibt aber, wie eine einfache Google-Recherche ergibt, etliche weitere Anbieter, die in türkischer Sprache um türkische Kunden werben. Diese Seiten sind von der Türkei aus nicht erreichbar und illegal. Dennoch finden sich Mittel und Wege für die Kunden, um die Sperren technisch zu umgehen. Zudem haben sich viele lokale Wettmärkte etabliert. Oft sitzt dort eine Person in einem Büro – Wett-Software ist leicht zu beschaffen – und bietet im lokalen Umfeld vor allem Fußballwetten an. Mehr als einen Computer, ein Telefon, eine Internetverbindung und einen Drucker, um Coupons auszudrucken, braucht es dazu nicht. Neben den türkischen Firmen mit Sitz auf Nordzypern, werben zudem englische Wettanbieter aggressiv um türkischen Kunden, im Wissen, dass diese diesen Service gar nicht nutzen dürfen. Aktuell gibt es keine Pläne zur Öffnung und Regulierung des Marktes. Die Regierungspartei AKP dürfte aber nun darüber nachdenken, ob das nicht der intelligentere Weg ist, um den Wettmarkt im Griff zu behalten. So könnten wenigstens wie in vielen anderen Ländern Steuern eingenommen werden. In der aktuellen Situation scheint dem Staat jedenfalls viel Geld zu entgehen. Ob sich aber die AKP als islamisch orientierte Partei traut, den Weg der Liberalisierung in dieser Branche einzuschlagen, ist ungewiss. Der parteiinterne Widerstand aus den konservativen Kreisen dürfte groß sein. Aber: Eine Öffnung und Legalisierung privater Anbieter würde zu der Wirtschaftspolitik der vergangenen zehn Jahre passen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf GazeteFutbol.de.

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