Kirill Petrenko: Eine russische Seele erobert die Berliner Philharmonie

Kirill Petrenko, ab 2019 neuer Chef der Berliner Philharmoniker, stand am Mittwoch erstmals am Pult in der Philharmonie. Er dirigierte das fabelhafte Bayrische Staatsorchester und machte klar, dass Berlin nach dem Brexit von Simon Rattle mit Petrenko eine neue Ära erleben wird.

Kirill Petrenko am Mittwoch in der Berliner Philharmonie. (Foto: DWN)

Kirill Petrenko am Mittwoch in der Berliner Philharmonie. (Foto: DWN)

Die Berliner Philharmoniker haben mit der Wahl von Kirill Petrenko zum neuen Chefdirigenten eine gewagte Entscheidung getroffen. Petrenko war bisher noch nicht übermäßig als Konzertdirigent tätig, sondern vor allem in der Oper. Doch Petrenkos Auftritt mit dem fabelhaften Bayrischen Staatsorchester im Rahmen des Musikfests Berlin am Mittwochabend in der Philharmonie dürfte, so sie anwesend waren, die letzten Zweifler überzeugt haben: Die Berliner Philharmoniker werden mit dem Russen am Pult eine neue musikalische Welt gewinnen. Denn anders als Simon Rattle, der sich mit seinem persönlichen Brexit ins Vereinigte Königreich verabschiedet, bringt Petrenko eine radikale emotionale Intelligenz mit. Rattle hat mit einer gewissen aufführungspraktischen Komponente und hoher analytischer Kompetenz den Philharmonikern in den vergangenen Jahren zu einem kühlen, fast unbestechlichen  Glanz verholfen.

Petrenko ist nicht nur ein exzellenter Analytiker, sondern getrieben von einem ungewöhnlichen musikantischen Temperament. Schon bei György Ligetis legendärem „Lontano“ überraschte Petrenko mit einer Art harmonischem Dekonstruktivismus: Er suchte in dem schwebenden Werk nach Melodien und Höhepunkten und gestaltete sie ohne jeden Manierismus. Béla Bartóks erstes Violinkonzert mit einem herausragenden Frank Peter Zimmermann erklang wie eine Vorahnung auf das Gesamtwerk Bartóks und zugleich wie eine hochwertige Vorlage für alles, was später von vielen Hollywood-Komponisten geschrieben werden sollte – etliche wie Bartók Emigranten aus dem versinkenden Europa. Mit Richard Strauss‘ schwer zu interpretierenden, eigenwilligen „Symphonia Domestica“ zeigte Petrenko, was er aus einem ohnehin schon erstklassigen Orchester herausholen kann: Petrenko emanzipierte die Symphonie von ihrem biederen Theorie-Konzept und arbeitete das Allgemein-Menschliche heraus, wie es sogar in der Familie Strauss in seiner damaligen Charlottenburger Wohnung gelegentlich aufgeblitzt sein könnte. Es ist sehr gut, dass man von Petrenko noch keinen Mahler kennt – er wird ihn hoffentlich mit den Philharmonikern völlig neu entdecken. Unerhörte Konzerte sind zu erwarten.

Als Zugabe wählte Petrenko das Vorspiel zu Wagners „Meistersingern“ – eine äußerst geistreiche Idee, mit der Petrenko sein Credo offenlegte: Es geht um die Musik, und sonst um gar nichts.

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