Syrien-Krieg verlagert sich an türkische Grenze

Syrien und Russland drängen die Söldner an die türkische Grenze. Der Konflikt droht auf die Türkei überzugreifen.

Die Lage in Syrien. Söldnergebiete (grün), PYD (gelb), ISIS (schwarz), syrische Armee (rot). (Grafik: syriancivilwarmap.com)

Die Lage in Syrien. Söldnergebiete (grün), PYD (gelb), ISIS (schwarz), syrische Armee (rot). (Grafik: syriancivilwarmap.com)

Die Türkei, die Aleppo als Schlüssel zum Sturz des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad eingestuft hatte, bereitet sich nach Angaben von Al-Monitor auf das „schlimmste Szenario“ vor, nachdem die vom Westen, der Türkei und den Golf-Staaten unterstützten bewaffneten Söldner seit dem 26. November massive Rückschläge zu erleiden haben. Das Szenario umfasst das Zurückdrängen der Söldner an die türkisch-syrische Grenze. Zum aktuellen Zeitpunkt sei es nicht leicht, die nächsten Schritte der Türkei vorherzusehen, so das Blatt. Seit Beginn der Operation Euphrates Shield verhielt sich die Türkei auffällig zurückhaltend, was die Schlacht um Aleppo anbetrifft. Die türkische Regierung verkündete, dass es ihr Ziel sei, die Grenzregion zwischen der Türkei und Syrien von ISIS und der PYD zu säubern. Russland und Syrien hatten der Türkei grünes Licht für die syrischen Grenzstädte Dscharabulus und al-Rai gegeben. Im Gegenzug sollte die Türkei ihre logistische Unterstützung für die Söldner in Aleppo stoppen.

Doch als die Türkei ihre Operation über das vereinbarte Gebiet hinaus erweiterte, wurden die türkische Armee und die von der Türkei unterstützten Söldner in Nordsyrien zu Zielen der Regimekräfte. Nachdem die Söldner in Aleppo gezwungen wurden, zwölf Viertel zu verlassen, meldete sich der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan zu Wort und sagte: „Warum sind wir nach Syrien gegangen? Wir haben kein Interesse am Grund und Boden Syriens. Die Sache ist, dass wir sicherstellen wollen, dass der Boden jenen zufällt, die die wahren Besitzer des Bodens sind. Wir sind dort, um Gerechtigkeit walten zu lassen. Wir sind dort rein, um das Regime von Assad, das dort regelrechten Staatsterror betreibt, zu beenden – und sonst wegen nichts. Es ist für uns völlig inakzeptabel, dass wir diesem wütenden Nationalismus weiter zulassen.“

Al-Monitor zählt die möglichen Beweggründe für diese Aussagen Erdogan auf: Es ist der Türkei nicht gelungen, im Rahmen der Operation Euphrates Shield eine gemeinsame Front mit Syrien und Russland gegen die PYD zu formen. Weder Syrien noch Russland haben aktiv die Bestrebungen der Türkei, die kurdische Autonomie im Norden Syriens zu verhindern, unterstützt. Es ging der Regierung in Damaskus nur darum, die „türkische Bedrohung“ als Druckmittel bei ihren Verhandlungen mit der PYD zu nutzen, damit die PYD ihre Forderungen abmildert.

Die türkische Operation diente auch dazu, al-Bab zu erobern, um anschließend die Söldner in Aleppo direkt zu unterstützen. Auch dieser Plan ist ins Wasser gefallen, so Al-Monitor. Unklar sei, ob Erdogans Worte darauf gerichtet sind, die syrische Armee von der geplanten Pufferzone im Norden des Landes fernzuhalten.

Es sei völlig irrational zu glauben, dass die Türkei in kriegerische Auseinandersetzungen mit Syrien und Russland  verwickelt werden möchte, während die Syrer und Russen ein starkes Aufgebot in Syrien haben. Was Erdogans Wut verständlich macht, sei die Tatsache, dass bewaffnete Gruppen, die in Aleppo an Boden verlieren, sich an die türkische Grenze zurückziehen. Was diese Zehntausenden von schwer bewaffneten, kampferprobten Kämpfern an der türkischen Grenze tun werden, sei die wichtigste Frage des beängstigenden Szenarios.

Die syrische Armee zwingt die bewaffneten Söldnergruppen, sich von Aleppo an die türkisch-syrische Grenze zurückzuziehen, oder einigt sich mit den Söldnern darauf, um diese in Bussen in den Norden des Landes zu evakuieren. Seit geraumer Zeit werden die Söldner, die im Umland von Damaskus ihre Waffen niedergelegt haben, nicht nach Daraa, das etwa 100 Kilometer entfernt liegt, transportiert, sondern nach Idlib, das mehr als 300 Kilometer entfernt im Norden des Landes liegt. In Idlib werden weiterhin Luftschläge der Syrer und Russen ausgeführt. „Das ist sicherlich ein gut geplanter strategischer Schritt“, so Al-Monitor.

Am 3. Oktober wurden etwa 525 Kämpfer aus Qudsaya und 114 aus Al Hamah mit ihren Familien – allesamt 2.000 Menschen – nach Idlib verlegt.

Am 28. November wurden 1.450 Kämpfer, 589 Frauen und 900 Kinder aus Ghouta bei Damaskus nach Idlib transportiert.

Ein ähnlicher Plan ist für Aleppo vorgesehen. Vom 26. Bis zum 28. November zogen sich größere Gruppen wie Jabhat Fatah al-Sham (ehemals Al-Nusra-Front), Ahrar al-Sham und Nureddin Zengi Brigade aus zwölf Vierteln der Stadt Aleppo zurück. Nach Angaben von Al-Monitor sollen aktuell Verhandlungen über den Transport der Kämpfer nach Idlib laufen. Es ist zu erwarten, dass die syrische Armee – ermutigt durch die jüngsten Erfolge – gen Norden ziehen wird, was wiederum Idlib zu einem Ziel der Armee machen würde. Idlib wird weitgehend von der Al-Nusra-Front kontrolliert.

Im Osten und Norden von Aleppo sind die 105. Republikanische Garde, die Spezialeinheiten „Tiger Forces“ und „Desert Falcons“, die Baath-Bataillon, die National Defense Forces, die Miliz der syrischen Sozialistischen Nationalistischen Partei und die Jerusalem-Brigade, die sich aus Palästinensern zusammensetzt, aufmarschiert. Im Süden von Aleppo befindet sich die die Hisbollah al-Nujaba, die reguläre libanesische Hisbollah und die irakischen Schiiten-Milizen, die sich auf eine Offensive auf Khan Tuman vorbereiten.

Das Ziel der syrischen Armee ist es, zunächst das Umland von Idlib zu säubern, um die Siedlungen Fua und Kefraya zu erreichen, die von der Al-Nusra-Front und ihren Verbündeten belagert werden. Lokale Quellen halten es für sehr wahrscheinlich, dass die Hisbollah und Nujaba eine Offensive aus dem Süden einleiten werden, während die syrische Armee und ihre alliierten Milizen gleichzeitig eine große Operation aus dem Norden ausführen. Das wird, so Al-Monitor, ein Alptraum für die Türkei werden.

Ankara wird entweder an der de facto-Pufferzone festhalten, die sie von der türkischen Grenzstadt Kilis bis in den Norden von al-Bab geschaffen und dabei das ländliche Terrain um Idlib in eine sichere Zone für ihre verbündeten Söldnergruppen verwandelt hat, oder sie wird es der syrischen Armee ermöglichen, die türkische Grenze zu erreichen. In beiden Fällen wird sich die türkische Grenzregion aufheizen und die Türkei muss sich mit dem „dschihadistischen Erbe“, das die Grenze nach Syrien von der Türkei aus überqueren konnte befassen, so Al-Monitor.

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