Türkischer Fußball: Was 2017 besser werden muss

Der türkische Fußball haderte 2016 mit sich selbst. Trotz größtem Potenzial bleiben Trainer und die Jugendarbeit das größte Defizit. Das schwache Abschneiden bei der EM spricht Bände. GazeteFutbol analysiert die aktuelle Lage.

Die Süper Lig hat schon wieder ordentlich Trainer verschlissen. Acht von 18 Vereinen haben bereits ihren Chefcoach ausgetauscht. Dabei sind die nicht unbedingt das Problem. Die Ansprüche sind viel zu hoch. Wahr ist aber auch, dass vor allem türkische Trainer betroffen sind. Da fackeln die Vorstände nicht lang, wie Eskişehirspors Cheftrainer Alpay Özalan unter der Woche anmerkte. Der frühere Nationalspieler kritisierte die Ungeduld türkischer Vereinsvorstände vehement: „Sobald ein einheimischer Trainer dreimal in Folge verliert, wackelt bereits sein Stuhl. Die Verantwortlichen müssen geduldiger sein. Den Kredit, den ausländische Trainer erhalten, muss man auch unseren Coaches zugestehen.“ Dabei führt Özalan als Argument die drei größten Erfolge des türkischen Fußballs an. Galatasaray hat im Jahr 2000 mit Fatih Terim den UEFA-Cup gewonnen. Zwei Jahre später führte Şenol Güneş die türkische Nationalmannschaft bis ins Halbfinale der Weltmeisterschaft. Und nicht zuletzt schaffte Terim dieses Kunststück bei der EM 2008. Man kann auch noch Mustafa Denizli erwähnen. 1989 erreichte er mit Galatasaray das Halbfinale im Europapokal der Landesmeister, dem Vorläufer der Champions League. Alle vier Erfolge wurden also mit einheimischen Trainern erzielt. Ein bisschen mehr Geduld wäre demnach angebracht. Nicht nur Spieler, auch Trainer müssen sich entwickeln können. Zumal nun die erste Erfolgsgeneration des türkischen Fußballs in den Startlöchern steht. Es sind jene Spieler, die in den Jahren 2000 bis 2002 die großen Erfolge feierten. Sie sind nun am Drücker und haben oft nicht nur Erfolge mit türkischen Mannschaften gefeiert, sondern auch wertvolle Auslandserfahrung sammeln können. Einer Modernisierung des türkischen Fußballs in der Breite steht somit eigentlich nichts mehr im Wege.

Zu wenig gute Jugendtrainer

Doch das Trainerproblem geht tiefer. Blicken wir zurück. 1993 gewann der türkische U23-Nachwuchs die Mittelmeerspiele, im Finale wurde Frankreich mit Spielern wie Zinedine Zidane und Pascal Nouma geschlagen. Ein Jahr zuvor wurde man U19-Europameister. In diesen Teams hatte der damals junge Trainer Fatih Terim bereits einen Großteil der Spieler versammelt, die in den folgenden zehn Jahren für die größten Erfolge verantwortlich waren. Offenbar war es damals einfacher, aus guten Junioren erfolgreiche Profis zu machen. Blickt man auf die heutigen Jugendteams ist wieder der vorherige Status erreicht worden. Zuletzt gelang kaum noch die Qualifikation für eine Junioren-Endrunde in Europa. Ganz im Gegenteil. Man tut sich schwer. AMK-Reporter Oğuzhan Sofracı hat jüngst die Startelf-Spieler aus dem Finale des EGE-Cups (U16) aus dem Jahr 2009 gegenübergestellt. Die Türkei traf damals in Izmir auf Frankreich. Aus dem Team links sind mit Paul Pogba und Lucas Digne zwei Weltstars hervorgegangen. Knapp die Hälfte der restlichen Spieler steht bei Erstligisten unter Vertrag. Bei den Türken rechts hat es mit Alican Candemir nur ein Spieler in die zweite Liga geschafft. Bei Eskişehirspor kam er in der Hinrunde unter Özalan aber nicht zu einem einzigen Pflichtspieleinsatz. Die restlichen Akteure aus der 2009er-Mannschaft kennt heute kaum jemand. Da sie zumeist 22 bis 24 Jahre alt sind, könnte der eine oder andere den Sprung in die Süper Lig noch schaffen. Für Spätstarter ist der türkische Fußball ja bekannt.

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Avcıs Vorschläge wurden nie umgesetzt

Insofern gilt es nicht nur die Qualität der Trainer im Oberhaus zu verbessern und ihnen Zeit zu geben, sondern auch im Jugendbereich. Abdullah Avcı hatte schon als Nationaltrainer gefordert, dass der TFF die Jugendarbeit in den Vordergrund stellen und die Qualität in der Breite fördern müsse. Auch ein 20-jähriger Spieler in der 3. oder 4. Liga muss professionell entwickelt werden. Als Beispiel führte er gern den Vergleich mit Ungarn an. Die Magyaren hatten 2013 mehr Jugendtrainer mit UEFA-Lizenz als die Türkei. Dabei besitzt Ungarn nur ein Zehntel der Einwohnerzahl. Ob sich etwas ändert, wird sich in den nächsten Jahren zeigen, aber immerhin wurde das Problem erkannt. Und es gibt Hoffnung. Derzeit zieht es viele Jugendtrainer und vor allem auch gute Jugendspieler nicht mehr nur zu den großen Klubs. Sie gehen lieber zu Başakşehir und Altınordu. Diese haben sich als erste Ausbildungsadressen des Landes etabliert und verdrängen die Top-Vereine. Mit Tuzlaspor könnte es eine ähnliche Entwicklung bei einem dritten Verein geben. Und auch bei Osmanlıspor plant man langfristig. Ein Jugendtrainer von Galatasaray ließ jüngst bei Twitter seinen Frust raus. Sie würden kein Gehalt bekommen, einige Trainer hätten erhebliche Probleme, ihre Familien über die Runden zu bringen. Wie können wir da an die jungen Fußballer denken, wenn wir kaum unsere Familien satt kriegen, fragte dieser Jugendtrainer abschließend. Und genau deswegen würden gute Jugendtrainer lieber bei Başakşehir und Altınordu arbeiten.

Die Auslandstürken wieder einmal

Die zweite Hoffnung kommt mal wieder aus dem Ausland. Emre Mor und viele anderen Talente lassen sich schon lange nicht mehr vom schnellen Versprechen auf Geld und Ruhm aus der Türkei locken. Sie wechseln wie Mor lieber zum BVB. Hinter dem 19-Jährigen kommt eine ganze Garde von jungen Talenten. Am Sonntag trifft sich die türkische U19 in Antalya. Die Mannschaft von Vedat Inceefe wird zwei Testspiele gegen Moldawien absolvieren. Im Kader stehen sieben Spieler aus Deutschland, dazu einer aus Frankreich. Das spricht Bände.

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Vielleicht aber müssen die Fans des türkischen Fußballs noch geduldiger sein. Für große Hoffnung sorgt derzeit Emre Demir (Jahrgang 2004). Vor drei Jahren verpflichtete Kayserispor den „türkischen Messi“ aus seiner Heimat Mersin. Vater und Mutter zogen mit um und bekamen einen Job sowie 30.000 Lira pro Jahr. Nun hat der große FC Barcelona angeklopft. Emre wird für zwei Wochen in La Masia vorspielen. Besteht er die Probezeit, wird er in die berühmteste Fußballakademie der Welt aufgenommen. Hoffen wir, dass er es schafft und sich im Gegensatz zu Muhammed Demirci für die Katalanen entscheidet. Das ist keine Garantie dafür, dass aus ihm eine Art Messi wird. Aber zumindest besteht Hoffnung, dass man in La Masia aus ihm einen richtig guten Fußballer macht. Er wäre nicht der erste.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf GazeteFutbol.de.

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