Risiko-Partner Türkei senkt Stimmung deutscher Investoren

Wegen gestiegener politischer Unsicherheiten sind Handelsbeziehungen deutscher Unternehmen mit der Türkei rückläufig.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU,l) und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan kommen am 02.02.2017 in Ankara zu einer Pressekonferenz. (Foto: Lefteris Pitarakis/AP/dpa)

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU,l) und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan kommen am 02.02.2017 in Ankara zu einer Pressekonferenz. (Foto: Lefteris Pitarakis/AP/dpa)

Anschläge, Kriegswirren im Nachbarland, Massenverhaftungen von angeblichen Putsch-Sympathisanten und Oppositionellen – in und um die Türkei regiert Unsicherheit. Das zieht die Wirtschaft des Landes, das noch vor wenigen Jahren als einer der vielversprechendsten Boom-Märkte weltweit galt, immer tiefer nach unten. Den Beleg dafür lieferte das Statistikamt des Landes Mitte Dezember: Erstmals seit dem Krisenjahr 2009 ging die Wirtschaftsleistung im dritten Quartal 2016 zurück. Dabei fiel die Schrumpfung mit 1,8 Prozent noch deutlich höher aus als von Experten vorausgesagt. Inzwischen, versichert das Wirtschaftsministerium, gehe es aber wieder aufwärts.

Dennoch: Die Türkei gilt mittlerweile bei Wirtschaftsexperten und Investoren als Risiko-Partner. Auch die Touristen, für das Land eine unverzichtbare Einnahmequelle, reagieren: In den ersten elf Monaten 2016 kamen nach amtlichen Zahlen mit gut 24 Millionen Reisenden knapp ein Drittel weniger Ausländer ins Land als im Vorjahr. Es gibt aber einen Hoffnungsschimmer. Nachdem Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und sein russischer Kollege Wladimir Putin ihren Streit nach dem Abschuss einer russischen Militärmaschine im Grenzgebiet zu Syrien beigelegt hatten, schnellte das Interesse von Russen am Reiseziel Türkei wieder hoch. Das ist wichtig, waren die Russen doch vor nicht allzu langer Zeit mit rund viereinhalb Millionen Besuchern im Jahr die zweitgrößte Touristengruppe – hinter den Deutschen. Und bei denen zeichnet sich ebenso ein Minus ab: Reisten 2015 noch 5,6 Millionen Bundesbürger in die Türkei, waren es in den ersten elf Monaten 2016 nur 3,76 Millionen.

Investitionsagentur: Viele Risiken sind politisch

„Die größten Risiken für die türkische Wirtschaft sind derzeit politischer Natur“, urteilt aktuell die deutsche Investitionsagentur GTAI. Dazu zählt auch der Streit mit dem wichtigsten Handelspartner, den EU-Ländern, über den Umgang mit der Opposition und Rechtstaatsfragen. Zu den Schwächen zählt zudem eine wenig effiziente, schwerfällige Bürokratie sowie die hohe Importabhängigkeit der Industrie und Probleme auf den regionalen Exportmärkten. Die künftige Entwicklung der türkischen Wirtschaft bleibt damit unsicher. Auf gut drei Prozent, deutlich weniger als in den vergangenen Jahren, veranschlagen internationale Experten das Wachstum für 2017. Die türkische Regierung hofft, schon im kommenden Jahr wieder bei fünf Prozent Zuwachs zu landen.

Für Deutschland hängt einiges am Geschäft mit der Türkei. Immerhin rangiert das Land mit einem Handelsvolumen von zuletzt rund 37 Milliarden Euro unter den Top-20 bei den deutschen Ex- wie den Importen. Inzwischen herrscht Pessimismus in der deutschen Wirtschaft, die mit rund 6.500 Firmen in dem Land vertreten ist. „Die Erwartungen sind noch etwas schlechter als das aktuelle Geschäft ohnehin schon ist“, sagt Volker Treier, Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). „Es wird wirtschaftlich gesehen rumpeln in diesem Jahr.“ Der deutsche Export in das Land sei seit Mitte 2016 auf Abwärtskurs. Für 2017 erwartet er: „Es wird einen Rückgang geben bei den deutschen Exporten um mindestens fünf Prozent.“

Zahlreiche deutsche Unternehmen vor Ort haben die Signale auf Halt gestellt. „Vieles ist auf Eis gelegt“, sagt Treier. Erweiterungsinvestitionen gebe es kaum noch. „Dabei ist die Türkei einer der zentralen Auslandsmärkte für den deutschen Mittelstand.“ Für die Türkei zählt Deutschland zu den Top-Adressen als Liefer- und Zielland für Waren.

Für die deutschen Investitionswerber der GTAI gilt aber im Grundsatz weiter: „Trotz der gegenwärtigen politischen Turbulenzen und vielfältigen Unsicherheiten bleibt die Türkei ein bedeutender Markt und Wirtschaftspartner für deutsche Unternehmen.“ Doch es brodelt. Die Stimmung bei Investoren und Konsumenten verschlechtert sich. Ein Investmentbanker klagte: „Es gibt dort viel staatliche Einflussnahme auf die Wirtschaft.“

Dass die Türkei ihr ehrgeiziges Ziel erreicht, bis 2023 zu den weltweit zehn größten Volkswirtschaften aufzusteigen, ist eher fraglich. Aktuell die größten Sorgen bereitet der Regierung der drastische Kursverfall der heimischen Währung Lira. Präsident Erdogan hat schon an seine Landsleute appelliert, Fremdwährungen zu verkaufen, um den Wertverfall stoppen.

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