Türkische Musiker singen gegen den Umbau der Türkei

Zahlreiche türkische Musiker und Künstler wollen gegen die Einführung des Präsidialsystems stimmen. Sie vertreten die Ansicht, dass es hier nicht mehr um Politik oder Erdogan gehe, sondern um den Fortbestand der Republik und der Demokratie.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan spricht am 12.02.2017 vor einem Porträt des Gründers und ersten Staatspräsidenten der Türkei, Mustafa Kemal Atatürk, am Flughafen in Istanbul, Türkei, vor Journalisten. (Foto: dpa)

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan spricht am 12.02.2017 vor einem Porträt des Gründers und ersten Staatspräsidenten der Türkei, Mustafa Kemal Atatürk, am Flughafen in Istanbul, Türkei, vor Journalisten. (Foto: dpa)

Zahlreiche türkische Musiker und Künstler haben sich öffentlich dazu bekannt, beim türkischen Referendum zur Einführung des Präsidialsystems mit „Nein“ zu stimmen. Der Sänger Mehmet Suavi Saygan sagte der Zeitung T24: „Lasst uns alle politischen Ansichten beiseitelegen. Die Türkei muss hier nachdenken. Ich werde mit ,Nein‘ stimmen.“

Der Schauspieler und Gezi Park-Aktivist Levent Üzümcü sagt: „Die Menschen in diesem Land glauben, dass die Republik die Schuld für alle Missstände trägt. Menschen mit verschiedenen ethnischen und religiösen Hintergründen beschuldigen die Republik. Doch weder die Republik noch das parlamentarische System trägt hier eine Schuld. Das Grundproblem, was wir haben, ist, dass die familiäre Bildung und die Schulbildung in tausend Teile zersplittert und zerstört wurde. Wir haben es nicht geschafft, eine solide Grundlage zu schaffen. Wir tragen hier eine gemeinsame Verantwortung und Schuld. Jede Ethnie oder Konfession trägt hier eine Schuld. Niemand soll sich rausreden. Das Wertvollste, was die Menschen in diesem Land haben, ist die Republik. Den Wert der Republik werden wir erst dann nachvollziehen können, wenn es sie nicht mehr gibt. Doch ich hoffe, dass es nicht so weit kommt.“

Der Dichter Ahmet Telli sagt: „Wir haben eine Stimme und wird ,Nein‘ lauten. Ich denke, eine Nein-Stimme ist der Ausdruck unseres Daseins in seiner menschlichsten Form.“

Der Musiker Hüsnü Arkan plädiert in einem Lied dafür, dass die Bürger mit „Nein“ stimmen sollen. In dem Liedtext heißt es: „Wie viele Menschen sind wir an diesem Hafen? Wir sind die Arbeitenden und Schönen, die jeden Morgen aufstehen, wir sind die Verrückten, wir sind wie Teekannen (…) Bei Gott, wir sind die Blumen, die in den Gebirgen wachsen (…) Gleich wird es Tag werden, Frau Istanbul. Gleich wird es Tag werden. Grüße an den Sultan unserer Zeit. Nein, zu allen Präsidenten. Das Schiff des Rechts wird an unserem Hafen anlegen. Es wird die Oberen und Leere mitnehmen und verschwinden. Wir sind voll, wir sind wie Tassen.“

Die Präsidentenberaterin Özlem Zengin hat Ende Januar gesagt, dass nicht nur die Wähler der CHP, MHP und aller anderen Parteien gegen das Präsidialsystem sind. Es gebe auch Gegner und sehr viele Unentschlossene unter den AKP-Wählern. Die Menschen fordern von den Oppositionsparteien, dass sie ihre Beweggründe für ihre Gegnerschaft darlegen und nicht mit Slogans hantieren. „Jede Stimme zählt. Ich denke, dass wir bisher sehr weit gekommen sind. Diejenigen, die mit ,Ja‘ stimme werden, liegen unseren Erkenntnissen zufolge fast über 50 Prozent“, zitiert die Zeitung Diken die Beraterin.

Doch einer aktuellen Umfrage des türkischen Meinungsforschungs-Instituts Gezici sind 57 bis 59 Prozent gegen die Einführung des Präsidialsystems in der Türkei. Der Umfrage zufolge sind 20,5 Prozent der Wähler der Regierungspartei AKP, 64,2 Prozent der nationalistischen MHP, 93,7 Prozent der sozialdemokratischen CHP und 95,3 Prozent der türkisch-kurdischen HDP gegen das Präsidialsystem, berichtet die Zeitung T24. Die Befragten geben mehrheitlich drei Gründe für ihre Ablehnung des Präsidialsystems an. Sie sind der Ansicht, dass das Präsidialsystem entweder zur Spaltung der Türkei, zur Errichtung einer Diktatur oder zur Abschaffung des laizistischen Charakters der Türkei führt.

Trotzdem unterstützen 74 Prozent aller Befragten die Sicherheitspolitik des türkischen Staatspräsidenten Erdogan und der Regierung. 70 Prozent sind nach wie vor für die Verlängerung des Ausnamezustands.

Ende Dezember hatte das Meinungsforschungsinstitut Sonar eine Umfrage veröffentlicht, wonach 44,6 Prozent der Befragten sich gegen und 42,3 Prozent sich für die Einführung des Präsidialsystems ausgesprochen hatten, berichtet die Zeitung Birgün.

Bemerkenswert ist, dass sich die Haltung der Oppositionsparteien der MHP und CHP nicht mit den Haltungen ihrer Basis deckt. Während die MHP-Spitze die Einführung des Präsidialsystems aktiv unterstützt, unterstützt die CHP-Spitze die Einführung, indem sie sich passiv verhält und keine offensive Kritik äußert.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.