Berlinale 2017: Einziger türkischer Beitrag „Kaygı“ sorgt für Begeisterung

Am vierten Tag der Berlinale feierte der einzige türkische Film Premiere. „Kaygı“, das Drama von Ceylan Özgün Özçelik, bewegt das Publikum.

Die Damen unter sich, Algi Eke, Regisseurin Ceylan Özgün Özcelik und Co-Produzentin Armagan Lale. (Foto: Kamuran Egri)

Die Damen unter sich, Algi Eke, Regisseurin Ceylan Özgün Özcelik und Co-Produzentin Armagan Lale. (Foto: Kamuran Egri)

Der Kollege für den Schnitt, Ahmet Can Cakirca. (Foto: Kamuran Egri)

Der Kollege für den Schnitt, Ahmet Can Cakirca. (Foto: Kamuran Egri)

Der Schauspieler Özgür Cevik. (Foto: Kamuran Egri)

Der Schauspieler Özgür Cevik. (Foto: Kamuran Egri)

Der Produzent Emre Oskay. (Foto: Kamuran Egri)

Der Produzent Emre Oskay. (Foto: Kamuran Egri)

Auf der diesjährigen Berlinale ist die türkische Präsenz sehr gering. Doch der einzige Beitrag vom Bosporus hat es in sich. „Regie-Debütantin Ceylan Özgün Özçelik hat eine ‚Studie über Paranoia‘ gedreht, die als Parabel auf den aktuellen Zustand der türkischen Medien und Politik gesehen werden kann“, urteilt etwa das Deutsch Türkische Journal über den Film der 37-jährigen Regisseurin Ceylan Özgün Özçelik .

Der Beitrag, der in der Berlinale-Reihe “Panorama” läuft, werde als „ein Höhepunkt des Filmfestivals gefeiert“, so die Zeitung. Ein Highlight, das offenbar nur mit viel Glück nun auch in Deutschland zu sehen ist. Denn: Finanziert worden sei der Film unter anderem mit Hilfe des türkischen Kultusministeriums, ihre Bewerbung um die Unterstützung reiche jedoch bis in das Jahr 2013 zurück, berichtet DTJ. Özçelik habe sich überzeugt gezeigt, dass sie die Zusage unter den aktuellen Bedingungen auf keinen Fall erhalten hätte. Denn die Mitglieder des Kommittees, das über Zu- oder Absage für eine Filmförderung entscheidet, wechseln alle zwei Jahre.

Doch worum geht es…

Filminhalt:

Hasret (Algi Eke) ist ein sensibles Wesen. Sie arbeitet bei einem türkischen Nachrichtensender mit dem anspruchsvollem Leitsatz: „Was Sie sehen, ist die Wahrheit. Was Sie hören, ist die Wahrheit.“ Ihr Freund Mehmet (Özgür Cevik) kommt sie ab und zu besuchen. Plötzlich beginnen sich die Dinge zu ändern. Redakteure werden angehalten, die Reden von Politikern nicht mehr zu kommentieren. Nachrichten werden manipuliert, und die Nutzung sozialer Netzwerke auf firmeneigenen Computern wird verboten, die Mitarbeiter werden bedroht.

Hasret wird von ihrer anmaßenden Chefin (genannt Blondie) gemobbt und verliert schließlich ihren Job als eigenverantwortliche Cutterin. Sie zieht sich in ihre Wohnung zurück und leidet zunehmend an Wahnvorstellungen: Sie hört Stimmen, die Wände bewegen sich, sie sieht Gardinen brennen. Außerdem ahnt sie, dass ihre Eltern vor über 20 Jahren nicht bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen sind, sondern auf andere, schreckliche Weise gestorben sein müssen. Doch was wird ihr verschwiegen?

Filmkritik:

Ein genial durchdachter Film, der hoch aktuell ist. Regisseurin Ceylan Özgün Özcelik gelingt es hier eine besondere Geschichte zu verfilmen, die längst fällig ist, erzählt zu werden. Was passiert, wenn es keine Pressefreiheit mehr gibt oder keine Meinungsfreiheit? Man zieht sich ins eigene Haus zurück, bekommt Paranoia, Klaustrophobie oder droht zu ersticken, weil man kein Luft mehr bekommt. Übrigens brillant gespielt von Algi Eke, für die diese Rolle wie gemacht erscheint.

Özgür Cevik ist bekannt aus der türkischen Erfolgsserie „Kirgin Cicekler“. Die Zuschauer fühlen mit der Hauptdarstellerin, wie es einem zu mute ist, kontrolliert zu werden. Es schreit nach Freiheit!

In Berlin erschien nun das gesamte Team: Regisseurin Ceylan Özgün Özcelik, Emre Oskay (Produzent), Schauspieler Özgür Cevik, die Hauptdarstellerin Algi Eke, Drehbuchautorin Co-Pruzentin Armagan Lale und Ahmet Can (Schnitt).

Die Frage nach der ursprünglichen Idee diesen Film beantwortet Ceylan Özgün Özcelik wie folgt:

„Stand unsere Stadt ändert sich andauernd. Ich bin 2011 in ein neues Haus gezogen. Ich war depressiv und wollte gar nicht mehr raus gehen. Ich wollte immer im Haus sein und etwas tun. Ich wollte von zu Hause aus arbeiten. Dann wollte ich den Film über eine Frau schreiben, die sich quasi in ihrem Haus einschließt. Istanbul ändert sich ständig, ich weiß es wirklich nicht was vor 10 Jahren war. Ich frage auch meine Freunde und ältere Menschen und niemand weiß es mehr. Sich nicht zu erinnern, dreht sich ja nicht nur darum, dass die Stadt sich ändert, sondern ich habe auch gemerkt, dass ich nicht mehr wusste, wo zum Beispiel ein politischer Massenmord stattfand. Ich hatte den Namen vergessen. Wir erinnern uns nicht mehr, was geschehen ist. Eine Frau schließt sich in ihre Wohnung ein, sie versucht die Erinnerungen hochzuholen. Darum geht es in den Film. Das ist die Grenze des Films, können wir Massenmorde vergessen? Irgendwann kommt die Wahrheit ans Licht, denn man kann sie nicht auslöschen!“

Und wie gestaltete sich für Algi Eke an diesem Film mit zu arbeiten?

„Es geht ja darum, wie geschlossene Räume sind, in dem die Menschen unwirklich und ernst agieren können. Ich mag diese Ernsthaftigkeit nicht. Es war für mich eine interessante Erfahrung, um das zu sehen, aber die Figur, die ich erschaffen habe, hat natürlich eine super Vorlage als eine Klaustrophobische Welt. In einem Büro ohne Fenster, die Leute alle eingeschlossen. Auswirkungen dieser Atmosphäre auf die Menschen eins zu eins sehen. Es gibt eben diese Menschen, die in geschlossenen Büros arbeiten in meiner Generation. Sie sind von der Stadt abgeschnitten und diese Atmosphäre, ihr Geisteszustand hat sich auf mich ausgewirkt. Aber ich würde mir das natürlich nie für mich wünschen.“

Ceylan Özgün Özcelik äußerte sich auch zum Thema Fake News und Manipulation der Nachrichten:

„Ich selbst habe 14 Jahren in den Medien gearbeitet, insbesondere für Nachrichtensender und glauben sie mir, ich habe 10 Prozent, von dem, was ich erlebt habe, in den Film eingebracht. Wenn ich noch mehr eingebracht hätte, dann wäre das wohl unwirklich geworden. Es gab schon viele Figuren, viele Ereignisse und ich dachte, na wenn ich jetzt Zuschauerin wäre, und mir das angucken würde, dann würde ich denken, hier wurde aber ganz schön dick aufgetragen. Das ist übertrieben. Aber es passieren wirklich Dinge, die man sich nicht vorstellen kann. Alles, was da erzählt wird, sind tatsächlich Sachen, die wir erlebt haben. Da ist nichts ausgedacht.“

 

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